Samstag, 26. September 2009

Noch einmal: neuer Blog

Ich blogge neu hier: http://philippe-wampfler.com/

Sonntag, 6. September 2009

Neuer Blogeintrag - auf dem neuen Blog!

http://philippe-wampfler.com/2009/09/05/entscheidungen-hanswasheiri/

(bitte RSS-Reader umprogrammieren auf die neue Seite…)

Freitag, 4. September 2009

Umzug

Ich bin umgezogen - neu findet man meinen Blog auf:
philippe-wampfler.com

Mittwoch, 2. September 2009

Drei Hinweise - #streetview, #freiheit

Erstens
Gerade beschäftigt mich die Frage, was der Staat darf, soll und inwiefern Verbote taugliche Mittel sind - und ich diskutiere sie hier: http://www.freilich.ch/blog/?p=670

Zweitens
Mal wieder Google-Street-View, damit man das noch gesehen hat, bevors gelöscht wird. Man vergleiche die Person auf dem Balkon mit den Gartenzwergen unten rechts.

Größere Kartenansicht

Drittens

Die Hashtags oben (#xyz) haben auf Twitter eine Funktionalität.

Samstag, 29. August 2009

Old School - Apropos freie Schulwahl

Zunächst einmal habe ich das hier entdeckt, ein Photo-Automat, der so »old school« ist, dass Foto sogar als Photo geschrieben wird. Da denkt man, der Schwarzweißautomat, von dem man einen ganzen Stapel Bilder im Portemonnaie mit Klettverschluss hat, den werde es immer geben: Und auf einmal ist keiner mehr da. Außer in Berlin, und eben: in Zürich. Er befindet sich überigens hier:

Größere Kartenansicht(ein P.S. zu Google-Maps, nachdem alles darüber geschrieben worden ist, was geschrieben werden konnte: Wurde da nicht etwas fotographiert, was jeder selbst hätte fotographieren können? Wenn mein Haus in Google-Maps ist - heißt das nicht einfach, dass jeder kommen kann und mein Haus fotographieren kann?)

Dann habe ich ganz old school einen Leserbrief geschrieben an die wunderbare Publikation Wir Eltern. Wie es sich für ein Schweizer Familienmagazin gehört, liegt es ganz sauber auf einer konservativen Linie, in der Geschlechterrollen etwas Unproblematisches und der status quo ein Ideal sind (man muss das Heft also nicht abonnieren), tatsächlich wurde der Leserbrief aber auch abgedruckt, und ironischerweise plädiere ich da gerade für Old School, also dafür, dass Kinder in die Schule gehen, in die sie zugeteilt werden. Man lese selbst:

Ihr Artikel versucht Situationen aufzuzeigen, in denen ein Schulwechsel angebracht ist. Das erste Beispiel, in dem die Beziehung zwischen Lehrperson und Schüler aus der Sicht der Eltern gestört ist, mag zumindest für einen Klassenwechsel sprechen. Die Wahrnehmung der Eltern ist aber problematisch: Weder haben Eltern eine akkurate Wahrnehmung vom komplexen Geschehen Unterricht, weil sie auf der selektiven Wahrnehmung Lernender beruht, noch sind Eltern dazu befähigt, Lehrpersonen zu beurteilen. Diese Beurteilung wird entweder von kompetenten SchulleiterInnen oder gewählten Behördenmitgliedern vorgenommen - und das ist auch richtig so. Ein ähnliches Problem tritt bei Ihrem zweiten Beispiel zutage. Eine Mutter spricht von einem »völlig inakzeptablen Schulhaus«, an dem sie einerseits der Betonbau, andererseits der schlechte Ruf stört. Nun hat dese Frau Diebold Massnahmen ergriffen, um eine andere Schulzuteilung zu erzwingen. Das mag übertrieben erscheinen, wenn man berücksichtigt, dass ihr Sohn die Schule noch keine Lektion lang besucht hat, ethisch verwerflich erscheint es dann, wenn man an all die anderen Kinder (und ihre Eltern) denkt, welche dieses »inakzeptable Schulhaus« besuchen müssen. Freie Schulwahl ist deshalb keine wünschenswerte Neuerung für die Volksschule, weil sie privilegierten Eltern und ihren Kindern bessere Schulen, den vom schweizerischen Bildungssystem ohnehin Benachteiligten aber schlechtere Schulen zur Verfügung stellt.
Freie Schulwahl scheint den Leuten ein ideales System darzustellen, welche davon ausgehen, ihre Kinder würden dann den angenehm individualisierten Unterricht im Wohnquartier besuchen, wo es zwar Ausländer hat, aber nur zwei pro Klasse, und die sind eigentlich Schweizer, haben aber die letzten fünf Jahre in Südafrika und in Japan gelebt; während die tamilischen Kinder von nebenan weiterhin in die Schule im Quartier gehen, wo auch die Ex-Jugoslaven, Portugiesen und so weiter in die Schule gehen, weil die ja gar nicht wissen, dass es die wunderbare Schule gibt. Ja, das ist etwas zugespitzt, aber um mich zu wiederholen: Das System würde darauf basieren, dass Eltern wissen, welche Schule die richtige für ihr Kind ist. Und das ist zu bezweifeln, dass sie das wissen.

Freitag, 28. August 2009

Tutorial: How to change the location (the country) of your App Store (iTunes)

For legal reasons beyond my power of imagination certain Apps are only available through the US App Store (for example 2kgames' Civilization Revolution, AppStore-Link). Here is how you can get them in a legal way:

  1. Purchase an iTunes Card or Gift Certificate issued in the US. My source is igx4u.com, they send you the code through Email (not really cheap, but everything worked like a charm and they seem trustworthy; please leave a comment if you know better sources).
  2. Set up a new account in iTunes in the store of your choice (for example US).
  3. You then provide the code you purchased in 1. as billing option (no credit card needed) and provide an adress in the country of your choice. Best case scenario is you know someone you gives you their address, worst case scenario is google for addresses, but that might not be so legal after all).
  4. That is it - once you sync your iPod/iPhone you will be able to install the Apps. Switch back to your original iTunes subscription, sync again and your phone will access your old iTunes store again.

Montag, 24. August 2009

Richard Nixon - Eine Obsession



Währed ich Nixon vs Frost schon vor einer Weile gesehen habe und bei Mad Men schon eine Staffel mehr oder weniger hinter mir habe, habe ich mir The Assassination of Richard Nixon erst dieses Wochenende angesehen. Die Filme bzw. Folgen sind hervorragend - bezeichnend ist jedoch das enorme Interesse für Richard Nixon (das wohl für Europäer schon alleine deshalb schwer verständlich ist, weil der Präsident in den USA allegorisch für den ganzen Staat und seine Verfassung steht).
Nixon - so sicher die These von Mad Men und The Assassination of Richard Nixon - oder die Politik Nixons, welche kriminelle Methoden, falsche Versprechen und irreführende Darstellungen, generell Lügen benutzte, wird als Nullpunkt eines Gesellschaftslebens gesehen, in dem Verstellung im Beruf und im Alltag, das Spielen einer Rolle und auch generell Lügen zu einem gewohnheitsmäßigen Verhalten wurden. Ob diese These richtig ist (also ob diese Entwicklung dann begonnen hat), ist schwierig zu beurteilen. Interessant wäre die Frage, wer den in Europa als Symbolfigur dieses Wandels herhalten müsste?

Huhn oder Ei - Medien und Statistik

Die Tagesschau bietet ihren Content neu auf ihrem Videoportal an - und listet dort auch gleich eine Statistik auf, die Aufschluss darüber gibt, welche Beiträge auf das meiste Interesse gestossen sind. Wie der Tagi scharfsinnig folgert, wird die Tagesschau sich deshalb an diesen Interessen orientieren. Heuchlerisch ist diese Kritik allein deshalb schon, weil die Newsnetz-Seite seit ihrem Start mit dieser Art von Statsitik arbeitet und News in Zukunft eine Art »best-of«- bzw. »Hitparaden«-Newsnetz sein soll (oder schon auf dem Weg dazu ist).
Die grundsätzliche Frage ist die: Sollen Medien schreiben, was die Leser lesen wollen, oder sollen die Leser lesen, was die Medien schreiben wollen? Die Frage tritt überall dort auf, wo es Angebote und Nachfragen gibt; denn Angebote können Nachfrage erzeugen, Nachfragen aber auch Angebote.
Das Problem bei der eigentlich offensichtlichen Antwort, Medien sollten über diejenigen Inhalte schreiben, die bedeutsam, wichtig, informativ, relevant etc. sind, ist die Frage, wer denn letztlich darüber entscheidet, welche Inhalte das sind. Eine liberale Position wäre es, den Lesern gerade diese Kompetenz zuzuschreiben und sich deshalb an ihren Bedürfnissen zu orientieren, weil es letztlich eine demokratische Vorgehensweise ist.
Nun tendiere ich - nicht unbedingt aus rationalen Gründen - zur Haltung, dass Medienschaffende mit Selbstbewusstsein, Gespür und vielen eigenen Interessen Leser dazu motivieren können, sich mit einem Stoff zu beschäftigen, für den sie sich vorgängig nicht interessieren, diese Beschäftigung aber als Gewinn empfinden. Der Vergleich mit einem freien Abend ist vielleicht angebracht: Willst du lieber auf dem heimischen Sopha sitzen und einen spannenden Krimi schauen, oder aber die hübsch anziehen, in die Stadt fahren und dort ein elitäres Theaterstück ansehen? Wenn das Theaterstück den»so-was-könnte-man-öfter-tun«-Effekt auslösen kann (und man dafür motiviert worden ist), dann ist wohl die spontane Antwort auf die Frage nicht unbedingt die richtige.
Was aus dem Beispiel folgt, ist die Forderung nach einem richtigen Umgang mit den Statistiken: Wenn Leser auf Stories klicken, in denen es um, sagen wir, Piratenüberfälle geht, dann heißt das nicht, dass sie sich generell für Piratenüberfälle interessieren, sondern dass die Story so aufgemacht war, dass sie sich für diese Story interessiert haben. Zu fragen wäre dann weiter, welche Beiträge wie lang angeschaut werden, und wie diese Beiträge geschrieben worden sind - nicht nur, worum es darin ging. Leser sind durchaus mündig - aber auch in der Lage, eine Herausforderung anzunehmen.

Samstag, 22. August 2009

Migros- oder Coop-Typ?

Gestern war ich mal wieder in der Migros, wo ich selten hingehe, obwohl ich oft einkaufe. An der Kasse stehe ich an. Hinter mir eine Frau, die man wohl als »rassig« bezeichnen würde (hat das was mir Rasse zu tun, so im Sinne von »reinrassig«?). Auf jeden Fall hat sie zwei Kinder, 5 und 7 ungefähr, Mädchen. Beide Jeansminijupe, weiße Hello-Kitty-Socken, rosa Hello-Kitty-Ballerinas, ein weißes Hello-Kitty-T-Shirt und eine Hello-Kitty-Mütze. Eine Art Uniform. Ich denke noch ganz milde, dass es auch Leute geben muss, die ihre Kinder so anziehen, als die Mädchen beginnen, sich ihre Langeweile mit Turnübungen aller Art zu vertreiben. Die Mutter ignoriert sie zunächst, sagt dann alle 20 Sekunden ohne sie anzuschauen »hör uf«. Weil das gar nichts bringt, geht sie zur nächsten Eskalationsstufe über: »Jetzt hör uf, susch hau der eis.« (Aus irgend einem Grund sprach sie immer im Singular zu ihren Kindern.) Die Mädchen lachen lauf auf (obwohl alles sehr ernst gesagt war) und rennen weg.
Das ist keine besonders gute Geschichte, aber wie der Alltag so ist: Sowas regt massiv zum Denken an. So über Erziehung. Und Kinder. Und Kitty, und warum man sie immer begrüssen muss. Oder die Migros? Warum passiert sowas nie im Coop?

Typ I: Kauft dort, wo's am billigsten ist. Informiert sich per Zeitungsbeilage, Newsletter und farbiger Aktionstafeln, geht auch mal zwei oder drei Mal in ein Geschäft, um sicher zu sein.
Typ Ia: Hat Geld, empfindet aber entweder Wonnegefühle beim Kaufen billiger Gegenstände oder fürchtet sich davor, mehr Geld auszugeben als nötig.
Typ Ib: Hat kein Geld, muss sparen.
Typ Ic: Hat zu viel Zeit und beschäftigt sich durch Schnäppchenjagen.
Typ II: Kauft immer am gleichen Ort ein. Auch die gleichen Produkte. Zur gleichen Zeit.
Typ III: Luxushure. Will den marinierten Lachs vom Coop, die thailändischen Mango von der Migros und das Cranberry-Müesli vom Globus. Was heißt will: Braucht das. Zum Leben.
Typ IV: Kauft dort ein, wo es Leute gibt, die noch mit einem reden. Der italienische Metzger, der vom letzten Urlaub in Calabrien erzählt und die Regalauffüllerin, welche sich über die Krankheiten ihrer Kinder ausbreitet, sind die wahren Kaufanreize. Dass alle wissen, was sie wann gekauft hat, ist diesem Typ egal.
Typ V: Bin ich. Kauft oft am gleichen Ort ein, aber dann auch wieder zwei Wochen nicht mehr, achtet manchmal auf die Preise, will aber auch ganz bestimmte Produkte, kennt zwar die Regalauffüllerin, tauscht mit ihr aber nur Bemerkungen übers Wetter aus.

Tendenziell gehören natürlich viele Menschen zu Typ I, und die kaufen dann tendenziell eher in der Migros als im Coop ein. Coop tut ab und zu etwas dagegen, dass die Typen II-V, die im Coop einkaufen, nicht den Eindruck haben, für alles zu viel zu bezahlen. Generell sind diese Typen aber angenehme Einkaufsgenossen, weil sie eher eine gewisse Gelassenheit an den Tag legen. Verzichte ich im Coop auf das Scannen meiner Supercard, passiert nichts. Tue ich das in der Migros, taucht in den Kunden vor, hinter und neben mir so was wie ein gieriges und unverständiges Flackern auf, besagend: »Die Cumulus-Punkte könnten mir gehören.«
Für alle die, welchen das ein zu seichter Eintrag war (ich selber bin nun kurz davor, ihn wieder zu löschen, aber ich sitze im Zug, es ist früh am Morgen und eventuell entschuldigt das etwas), hier noch der Grund, warum Migros und Coop die gleichen Produkte zu einem unterschiedlichen Preis verkaufen:
Angenommen, eine Person will einen Ballen Mozzarella kaufen. Dann kann man sie fragen, wie viel sie dafür zahlen würde. Diese Bereitschaft variiert, einige würden vielleicht nicht mehr als einen Franken dafür ausgeben, andere vielleicht bis zu drei Franken. Nun kann der Detailhändler diese Bereitschaft analysieren und den Mozzarella vielleicht für knapp unter zwei Franken verkaufen oder größere Packungen machen etc., so dass der Konsument den Eindruck hat, er würde einen seiner Zahlungsbereitschaft entsprechenden Preis bezahlen. Dennoch verliert man das Geld, welches die Menschen mit höherer Zahlungsbereitschaft zahlen würden sowie dasjenige, welches die mit tieferer Zahlungsbereitschaft zahlen würden, weil die dann evtl. keinen Mozzarella kaufen. Die Lösung ist einfach, aber nicht möglich: Man verkauft das gleiche Produkt zu drei verschiedenen Preisen: 1 Franken, 2 Franken und 3 Franken, und alle kriegen das, was sie wollten, und der Händler am meisten Geld. Nun kauft aber niemand ein Produkt zu 3 Franken, das man auch zu 1 Franken kaufen könnte. Lösung: Anmalen. 1 Franken: Billigprodukt, sagt meinen Gästen: Ich lebe innerlich noch in einer WG. 2 Franken: Produkt für die Familie von heute, was Gutes für die Kinder, aber Luxus muss nun auch nicht sein, und 3 Franken: Ich kaufe das beste. Natürlich steht dann da noch drauf, der Mozzarella sei mit sonnengereiftem und biologischem (Bio-Produkte funktionieren ganz ähnlich) Strauchbasilikum umhüllt gewesen, doch das sind Texte.

Freitag, 21. August 2009

Diplomatie, Notrecht und der Rechtsstaat

Das Sommerloch scheint vorbei zu sein: Spektakuläre Verhandlungserfolge und peinliche Entschuldigungen geben zu schreiben. Die mediale Euphorie über den UBS-Vergleich dämpft nur ein kleines Kästchen über aussenpolitische Kommission des Ständerats:

Die Kommission zeigt sich besorgt über die «Tendenz der Regierung, in wichtigen und heiklen Dossiers das Parlament zu übergehen». Was die Ständeräte erzürnt, ist aber möglicherweise der Schlüssel zum Verhandlungserfolg. Auf schweizerischer Seite gab es während Monaten keine nennenswerten Lecks und somit auch keine öffentlichen Diskussionen über die Verhandlungsstrategie, was möglicherweise den Vereinigten Staaten in die Hände gespielt hätte. Dass die Ständeräte im Dunkeln tappten, hängt im Übrigen weniger mit dem bösen Willen des Bundesrats als mit ihrer Organisation zusammen.
Die Bundesversammlung verfügt in den Bereichen Finanzen und Nachrichtendienste über zwei kleine Delegationen mit umfassendem Einsichtsrecht. Für die Diplomatie gibt es keine vergleichbare Kontrollinstanz. [Quelle: Nzz von heute, nicht online einsehbar]
Die Arbeit der Exekutive zeigt in diesem Fall zum wiederholten Male ein Spannungsverhältnis zwischen resultatorientierten, effizienten Entscheidungen - und rechtsstaatlichen Kontrollfunktionen. Weitere Beispiele:
  • die juristische Bearbeitung der Rechtshilfegesuche wird kaum so schnell möglich sein, wie das nötig sein wird, die Justiz ist »die große Unbekannte«, weil sie rechtsstaatliche Verfahren durchführen möchte und sich auf das Gesetz stützt
  • bei Rettungsaktionen (UBS, Swissair) wird Notrecht eingesetzt, ohne dass dieser Einsatz je auf seine Verfassungskonformität hin überprüft werden kann, indem - zumindest im Fall der UBS - Notsituationen künstlich geschaffen werden, um so das Parlament zu umgehen
Nun könnte man daraus ableiten, dass das direktdemokratische System der Schweiz reformiert werden müsste; zumal man zwar innenpolitisch das System großartig findet, in der Außenpolitik weder der amerikanischen Steuerbehörden noch einem »Wüstensohn« klar machen kann, dass Verhandlungsergebnisse der Überprüfung durch andere Gremien unterliegen.
Das wäre in einem eher harmlosen Fall wie derjenige der Vereinbarung mit Libyen unproblematisch, auch wenn man sich fragen kann, wie weit man sich von einem Diktator erpressen lassen will.
(In Klammern noch zwei Passagen aus dieser Vereinbarung:
Heißt das, es ist schon klar, dass die »measures unjustified and unnecessary« waren? Also gar nicht mehr Gegenstand der Untersuchung?
Libyer werden als von nun bei tätlichen Übergriffen in der Schweiz von der Polizei assistiert (»facilitate their procedures«). So weit die Klammerbemerkung…)
Problematisch wird die Stärkung der Exekutive auf Kosten der demokratischen Absicherung, wenn die Exekutive mit Leuten wie Hans-Rudolf Merz besetzt ist und die UBS geführt wird von ehemaligen Mitgliedern dieser Exekutive. Die ganze Biographie von Hans-Rudolf Merz ist gepflastert mit katastrophalen Entscheidungen im Bereich der Finanzindustrie. Als ehemaliger Angestellter ist er nun verantwortlich für massive Investitionen des Bundes (und ihre Auflösung zu einem völlig unpassenden Zeitpunkt, Gewinn hin, Gewinn her) - und ein Künstler im Einsatz von Notrecht. Man muss nicht die WoZ lesen, um ein schlechtes Gefühl zu bekommen.

Donnerstag, 20. August 2009

Sturmgewehr - nur noch an Ungefährliche

Herr Maurer hat offenbar nachgedacht - und ist zum Schluß gekommen, »gefährlichen« Menschen keine Armeewaffe mehr auszuhändigen, oder nein, aushändigen schon, aber nicht mehr mit nach Hause geben. Nun könnte man daran beobachten, dass SVP-Politiker, sobald sie sich mit einer Materie wirklich auseinandersetzen, schnell zu den gleichen Schlüssen kommen wie ihre politischen Gegner (so z.B. auch Marcel Riesen beim Thema Jugendstrafrecht, obwohl da die Vernunft allen politischen Parteien etwas abhanden gekommen ist; oder auch die vorgeschlagene Verkleinerung der Armee, welche letztlich wohl auf eine Abschaffung der Wehrpflicht rausläuft).
Symptomatisch scheinen mir aber andere Aspekte zu sein:

  • Der Begründung der poltischen Rechten, warum die Gewehre mit nach Hause gegeben werden müssen, ist folgende:
    Die Schweiz ist eine freie Republik. Ausdruck unserer Freiheit ist die Tradition der Milizarmee. Der bewaffnete Bürgersoldat war schon in Griechenland Ausdruck des grossen Vertrauens, das der Staat seinen Bürgern entgegenbringt. [Quelle: Roger Köppel, Weltwoche]
  • Dieses Vertrauen des Staates in seine Bürger gilt offenbar nur eingeschränkt: Gefährlichen Bürgern vertraut der Staat nicht, sondern nur ungefährlichen. Ungefährlich heißt aber in dieser Denkart »noch nicht gefährlich«, denn die Gefährlichkeit eines Menschen zeigt sich ja dadurch, dass er eine Straftat begangen hat (oder eine Rechnung nicht bezahlt hat - denn Maurer möchte auch die Betreibungsregisterauszüge konsultieren, um auf die Gefährlichkeit einer Person schließen zu können).
  • Die ganze Massnahme ist ein weiterer Schritt im Wahn, unsere Gesellschaft müsste gefahrenfrei werden, indem gefährliche Elemente (und mit Elementen meint man Menschen) weggesperrt, entrechtet, identifiziert und markiert werden (evtl. in anderer Reihenfolge).
  • Und letztlich zeigt sie, dass das wahre Problem noch nicht verstanden worden ist: Wir brauchen keine Waffen. Niemand braucht eine Waffe. Weder zuhause, noch sonstwo. Wer zu seinem Vergnügen schießen will, kann das ja an einem Vergnüngsstand tun.
  • Gut, da habe ich wohl eine wichtige Funktion übersehen:

Dienstag, 18. August 2009

Basta - von Geistigem, Eigentum und einem Appell

Dass Frank A. Meyer (Scherze über Menschen, die Ihren zweiten Vornamen mit einer Initiale abkürzen, kann man sich selber basteln) wenig von der Schweizer Rechtsordnung versteht und in Berlin lebt, weil die Behörden es ablehnen, ihn für den Lärm der Streetparade zu entschädigen, dürfte bekannt sein. Dass sein Text über Urheberrecht (die Kolumne Basta!) die Blog-Community erschüttert hat, könnte man auch wissen. Da gibt es Satz für Satz-Analysen und Superlative (»dümmster Artikel«). All das muss man nicht bemühen: Zunächst ist klar, dass Frank A. so viel Ahnung von Internet hat, wie der durchschnittliche Stimmbürger. Sie wissen, dass es das gibt, sie waren schon einmal drin und ahnen, dass es eine grosse Anzahl kaum zu definierender Gefahren gibt, die davon ausgehen. Herr Meyer setzt prägnant zu seinem zentralen Argument an, das auf Demokratie und Rechtsstaat beruht:

Das ­Eigentum ist geschützt, ob nun Scheiben eingeschlagen, Strassen blockiert, Häuser besetzt – oder eben Songs, ­Romane und Filme downgeladen werden.
(downgeladen ist ganz hübsch, das muss man sich merken)
Auf einer ungleich intellektuelleren Schiene argumentieren die Unterzeichnenden des Heidelberger Appells, über den man sich hier einen Überblick verschaffen kann. Ihr Problem sind einerseits die open-access-Politik vieler Universitäten (wissenschaftliche Texte müssen im Internet verfügbar gemacht werden), andererseits GoogleBooks, also die Bemühung um Digitalisierung von Büchern. Diese Diskussion soll nicht im Detail kommentiert werden, zumal ich es nicht besser kann als Matthias Spiegelkamp.
Aber einige Punkte, die mir ganz grundlegend scheinen, sollen zu dieser Debatte festgehalten werden:
  • Eigentum ist ein juristischer Fachbegriff, der zwar von Besitz unterschieden wird, aber eine Abstraktion des Begriffs Besitz darstellt. Ich kann Eigentümer von etwas sein, was ich auch besitzen könnte, und be-sitzen bedeutet, ich kann es festhalten, es exklusiv benutzen. Geistiger Besitz scheint kein vorstellbares Konzept zu sein: Ich kann keine Idee festhalten. Wenn ich sie nämlich nicht formuliere, dann gibt es sie noch nicht - und sobald ich sie formuliert habe, kann sie weitergegeben werden, ohne dass mir diese Idee abhanden kommt. Ideen und materielle Güter unterscheiden sich also in ihren wesentlichen Eigenschaften, so dass »geistiges Eigentum« nicht in Parallele zu materiellem Eigentum zu setzen ist, sondern ein juristisches Konstrukt darstellt.
  • Geistiges Eigentum ist dann eigentlich das Recht an der kommerziellen Nutzung eigener Ideen oder Kreationen. Wenn jemand eine Idee kopiert, dann heißt das nicht, dass die Person sie auch kommerziell nutzt, also das geistige Eigentum gefährdet.
  • Das auch im kleinen ein juristisches Problem (oder eine Fehlannahme): Leute, die ein Musikstücke (oder einen Film oder sowas) kopieren, würden dafür nicht den Preis zahlen, der verlangt wird - sie würden nicht notwendigerweise gegen Bezahlung konsumieren, was sie kopieren.
  • Eine weitere verfehlte Annahme ist die, dass das Kopieren etwas Ähnliches ist wie ein Plagiat: Wenn ich ein Lied runterlade, behaupte ich nicht, ich hätte es komponiert, gesungen oder sonstwas. Sondern ich höre es mir an. (Runterladen geht btw. so…)
  • Den Zugang zu Informationen einzuschränken, sie einem eingeschränkten Nutzerkreis vorzubehalten, ist fortschrittsfeindlich und undemokratisch. Forschung, die an einer Universität stattfindet, sollte für alle einsehbar sein - an open access gibt es nichts zu kritisieren, das sollte schon längst eine Selbstverständlichkeit sein.
  • Ein Mythos der Unterhaltungsindustrie ist, dass Urheberrechte die Künstler schützen. Vielmehr schützen sie die Industrie, denn Künstler verdienen an ihrer Kunst einen Bruchteil von den Kosten, die für eine CD oder ein Buch anfallen. Man zahlt für ein Buch und eine CD, weil Marketingkosten anfallen, Material- und Vertriebskosten. Alle diese Kosten übernehme ich als Internetuser aber selbst - ich stelle das Material, die Leitung etc. zur Verfügung; müsste also nur den Künstler selbst entschädigen.
  • Die alte Leier vom Schutz von Forschung und Investitionen, wie sie bei Patentdiskussionen immer vorgebracht wird, gilt für Künstler kaum. Natürlich müssen Künstler leben können - aber anstatt dem Staat die Aufgabe zuzuweisen, die Mainstream-Künstler durch unhaltbare Gesetze zu schützen, könnte er auch die demokratische Aufgabe wahrnehmen, Künstlern ein Auskommen zu ermöglichen, so dass Sie unabhängig von kommerziellen Erwägungen arbeiten können.
  • Zum Schluss noch dies: Kopien dürfen in der Schweiz angefertigt werden, auch wenn man sie runterlädt. Ist nicht verboten, verletzt nicht den Rechtsstaat.
Und dann noch zurück zu Frank A. Meyer: Als Vordenker von Ringier könnte er vielleicht dafür sorgen, dass Bilder und Geschichten nicht kopiert werden, ohne dass man Urheberrechte daran hat. Je länger desto mehr muss man keine Photographen mehr anstellen, sondern kann einfach Facebook bemühen…

Sonntag, 16. August 2009

Hausgemachter Enkeltrick

Wenn man sich über Kleinigkeiten freuen soll, dann darf man sich wohl erst recht über Kleinigkeiten aufregen.

1. Der Enkeltrick
Wie die Illustration es besser nicht zeigen könnte, besteht der so genannte Enkeltrick darin, dass »betagten oder immigrierten Personen« (Quelle: fedpol) bei einem Anruf vorgegaukelt wird, eine ihnen verwandte Person (z.B. ihr Enkel) sei auf eine größere Zuwendung von ihnen angewiesen. Da man diesen betuchten Personen von Täterseite zwar nicht zutraut, den Enkel am Telefon zu erkennen, wohl aber an der Haustür, informiert man sie in einem zweiten Telefonat darüber, dass man selbst verhindert sei, ein Freund/Beamter/x das Geld aber abholen komme. Trotz Warnung von Bankangestellten heben die betagten Menschen aber größere Summen Geldes ab und überreichen sie ihnen völlig unbekannten Menschen.
Warum regt mich das auf? Weil in den Medien so getan wird, als handle es sich um eine besonders dreiste Form der Betrügerei. Wenn man das Ganze aber durchdenkt, erhält man aber einen Tatbestand, der in meinem Rechtsempfinden aber kaum kriminell ist:

  1. Jemand, der oder die offenbar nicht bevormundet oder in finanzieller Hinsicht verbeiständet ist, gibt jemand anderem (teilweise trotz einer Warnung) Geld - ohne Zwang.
  2. Der einzige Betrug ist der, dass die Person, die anruft, eben nicht der Enkel ist. Wäre es der Enkel, wäre alles völlig legal. Ändert die Tatsache, dass es eben nicht der Enkel ist (den die betuchte Person nicht einmal am Telefon erkennt), etwas an ihrer Situation?
2. hausgemacht
In diesem Sommer habe ich das Vergnügen genossen, mit AirBerlin nach Berlin zu fliegen. Wider Erwarten gab es essbares Gratisessen. Hätte ich dennoch was noch Schmackhafteres und Kalorienreicheres bestellen wollen, hätte es eine »hausgemachte Currywurst« gegeben. Die nahe liegende Frage: Von welchem Haus sprechen wir? Fliegen wir in einem Haus? Oder gibt es DAS »Air-Berlin-Haus«, in dem auch Currywürste gemacht werden? Ist die Wurst hausgemacht - oder ist damit die Zubereitung einer nicht hausgemachten Wurst gemeint? Fragen über Fragen… Hausgemacht ist aber in unsere Konsumwelt fast alles, weil das impliziert, es gebe jemanden Ansprechbares, der in der Lage ist, hochartifizielle Produkte selbst herzustellen. Gemeint ist aber: Dieses Produkt wurde in einem Gebäude gemacht, das ein Dach aufweist.

Freitag, 14. August 2009

Vor der Bundesratswahl - Rechenspiele, FDP-Absurditäten, »wertkonservativ«

Zur kommenden Bundesratswahl drei Gedanken

I Rechnungen
»Ich habe keine Angst«, sagt Urs Schwaller, und meint damit wohl: Weil Frau Leuthardt jung ist und wohl durch eine Frau ersetzt werden müsste, ist die kommende Wahl ohnehin seine einzige Chance, je Bundesrat werden zu können. Und man kann die Blöcke kurz aufstellen, um zu sehen, wie denn seine Chancen stehen:

FDP, SVP, EDU: 47 + 65 + 6 + 1 = 113
SP, CVP/EVP/GLP, Grüne, (BDP): 51 + 52 + 24 (+6) = 127/133
Nicht schlecht stehen sie also, die Chancen von Herrn Schwaller.
Nun kann man das Spiel mit der Rechnung auch anders spielen - und sieht, dass die SVP sich politisch als derart unzuverlässig erwiesen hat, dass sie über längere Zeit bei der Bundesratswahl nicht mitreden kann. Angenommen, die geeignigte Linke will eine eigene Kandidatin wählen, z.B. Sylvie Perrinjaquet, Liberale, Neuenburg. Sie ist nicht besonders links (smartspider), aber eine Romande, eine Frau und auch nicht besonders rechts einzustufen - und wäre geeignet dafür, keinem/r der offiziellen Kandidaten und Kandidatinnen zur Wahl zu verhelfen.
Wie würde man das machen?
1. Wahlgang
Schwaller: CVP: > 46
e.g. Burkhalter: FDP, SVP, …: <> 70
So siehts nur aus, wenn sich die SVP loyal zur FDP verhält und nicht noch ihrerseits Spielchen spielt, die eigentlich irrelevant sind. Die Linke verkündet dann, sie würde an Perrinjaquet festhalten, wenn sie von der FDP unterstützt würde, ansonsten würde man Schwaller wählen.
Dann ergibt das wahrscheinlich:
3. Wahlgang
Schwaller: CVP: ca. 50
e.g. Burkhalter, SVP-Kandidat: ca. 70
Perrinjaquet: Linke und FDP: ca. 120
Es könnte also wiederum eine Bundesrätin oder ein Bundesrat von der Linken gewählt werden, wenn sie die richtigen Karten spielt, das will und - das ist ganz wichtig - die Romands dazu bewegt, Schwaller nicht zu wählen, weil er Deutsch als Muttersprache hat. Ob das sinnvoll ist, so Bundesräte zu wählen, bleibt dahingestellt - ein Szenario ist es allemal. Und es zeigt, wie irrelevant die SVP für die Schweizer Politik trotz ihrer Größe ist, weil sie es nicht vermag, sich konstruktiv in den politischen Prozess einzubringen.

II Die FDP-Kandidaten
In der heutigen NZZ stellen sich die nominierten Bundesratskandidaten der FDP vor. Man kann sich kaum deutlicher vor Augen führen, wie absurd die Argumentation einer sich selbst liberal nennenden Partei geworden ist:
  • alle Kandidaten sind dafür, die bisherige Politik weiterzuführen - sie haben keine Konzepte, Visionen, Vorstellungen für die Schweiz (was für viele PolitikerInnen gilt), auch keine liberalen
  • nur Martine Brunschwig Graf spricht sich für einen EU-Beitritt aus - die drei Herren beschwören den bilateralen Weg; der EU-Beitritt, seit dem Beitrittsgesuch, das beim Weissweintrinken der Herren Delamuraz und Felber entstanden ist (danke für diese Pointierung), ist eines der seltsamsten Tabus der Schweizer Politik
  • keiner der liberalen Politiker ist für Parallelimporte von Medikamenten; die argumentativen Verrenkungn sind schon fast lachhaft (»eine Form von Wettbewerb«, »philosophische Grundfrage«) - und dankbar ist wieder einmal die Formel vom »geistigen Eigentum«, welches offenbar dazu berechtigt, ein Produkt in einem Land zu diesem Preis anzubieten und in einem anderen Land zu einem anderne Preis, ohne dass ein Konsument wählen kann, wo er welches Produkt kaufen möchte
III Anbiederung bei der SVP
Wie I schon gezeigt hat: Die SVP braucht man nicht, um Bundesrat zu werden. Allerdings scheint sich Schwaller auch für die SVP als wählbar präsentieren zu wollen und fand dazu ein tolles Wort: Er sei »wertkonservativ«. Was immer das heißen mag - er hat konservative Werte, er ist dafür, Werte (welche) zu bewahren, er sei in Bezu auf Werte konservativ - die SVP ist in keiner dieser Hinsichten »wertkonservativ«, weil sie Werte gar nicht braucht, sondern Scheinlösungen für fiktive Probleme diskutiert, welche immer so beschaffen sind, dass sie der SVP-Elite nützen und sozial schlecht gestellten Menschen schaden. Dabei von Werten zu reden, ist schlicht zynisch.

Mittwoch, 12. August 2009

Besitzen - Die Liegestuhlgeschichte

In der aktuellen Ausgabe der Monde diplomatique (gehört zu den besten Publikationen, die man im Wochenrhythmus lesen kann) wird die Geschichte von den Liegestühlen aufgerollt. Ich versuche, sie ungefähr nachzuerzählen:

Auf einem Kreuzfahrtschiff gibt es Liegestühle, welche alle Passagiere benutzen dürfen. Gleichzeitig kann aber nur ein Drittel der Passagiere drauf Platz nehmen. Anfänglich lösen sich fast alle Passagiere auf den Liegestühlen ab: Wird einer frei, benutzt ihn ein anderer.
Nachdem aber die ersten Passagiere die Erfahrung gemacht haben, dass alle Liegestühle besetzt waren, als sie sich auf einen legen wollten, kommen sie auf eine Idee: Sie könnten mit einem Badetuch den Liegestuhl reservieren. Gemeinsam passen sie jeweils darauf auf, dass niemand einen reservierten Liegestuhl einnimmt, und so ergibt sich folgende Situation: Ein Drittel der Passagiere kann während der Kreuzfahrt einen Liegestuhl benutzen, zwei Drittel können das nicht.
Die Geschichte ist leicht zu deuten: Es geht um commons, manchmal mit Allmenden übersetzt, besser aber mit Gemeingüter. Die Frage ist, wie es kommen konnte, dass diese Gemeingüter als legitimer Besitz angeschaut werden, und der Autor in der MD argumentiert einleichtend dahingehend, dass der Anfangsvorsprung, den man sich durch den überraschenden Besitzanspruch gesichert hat, ausreich, um diesen Anspruch zu verteidigen. Man könnte, so ein Beispiel, den Liegestuhl während der Zeit, in der man ihn nicht benutzt, vermieten, und mit den Einnahmen einen Wärter zahlen, der auf den Liegestuhl aufpasst etc. - während die liegestuhllosen Passagiere keine Möglichkeit haben, Einnahmen zu generieren um allenfalls eine Organisation zur Übernahme der Liegestühle aufzubauen; also: Wenn commons einmal von jemandem besessen werden, wird es schwierig, diesen unrechtmässigen Besitz zu beenden, da es einfacher ist, einen Besitz zu verteidigen als in den Besitz von etwas zu gelangen.
Nun gibt es in Bezug auf commons ein zweites Problem: 1968 hat Garrett Hardin in diesem Artikel argumentiert, es gäbe eine Tragedy of the Commons, die sich daraus ergebe, dass Allgemeingüter (z.B. Allmenden) übernutzt werden (z.B. alle lassen ihre Tiere zuerst so oft wie möglich dort grasen), so dass sie letztlich zugrunde gehen und niemand mehr etwas davon hat. Es sei besser, sie jemandem zu übergeben, so dass dann diese Person auch ein Interesse daran hat, die Allmend (die dann keine mehr ist) zu pflegen. In einem anderen Artikel in der MD wird das dahinterliegende Missverständnis aufgeklärt: commons darf man sich nicht wie ein Schlaraffenland vorstellen, das von jemandem erstellt worden ist und kostenlos benutzt und übernutzt werden kann, sondern wie ein Picknick, zu dem alle etwas beisteuern und auch alle etwas nehmen dürfen. Idealerweise, so der Autor, müsste man Gemeingüter mit einem Preis versehen, also beispielweise der Verbrauch von Ressourcen, wobei das Geld wieder dafür eingesetzt wird, dass diese Ressourcen nachhaltig genutzt werden.
Auf unsere Liegestühle übertragen würde dies heißen, der Schiffbesitzer sollte die Liegestühle kostenpflichtig machen und sagen, wie viel eine Stunde Liegestuhlbenutzung kostet, oder noch besser: Allen Passagieren Tokens verteilen, welche zu einer Stunde Liegestuhlbenutzung berechtigen.
Nun sind natürlich die Besitzverhältnisse heute schon gegeben. Fast alles, was Menschen besitzen können, besitzt jemand, und die Frage, er ihm Besitz wegnehmen darf/soll/kann ist nicht ganz einfach zu beurteilen. Diese ganze Argumentation hat, anders, als man meinen könnte, nicht mit Neid zu tun: Sondern mit der Frage, ob man z.B. Grundstücke, Nahrungsmittel, natürliche Ressourcen (Erdöl etc.) überhaupt besitzen kann oder in einem gewissen Ausmass besitzen kann (Ausmass: mehr als man jemals im Leben verbrauchen kann). Die Antwort ist natürlich nein, denn selbst wenn ich Geld »verdient« habe, kaufe ich das Grundstück von jemandem, der es von jemandem gekauft hat … der es von jemandem gekauft hat, der es einfach in seinen Besitz gebracht hat, weil es vorher niemandem gehört hat.
Diese Frage ist eine alte, aber sie ist nicht damit gelöst, zu sagen, der Kommunismus habe versagt und offenbar wollten die Leute Grundstücke besitzen. Gelöst wäre sie damit, wenn man alle Leute enteignen würde, ihnen die Grundstücke, die sie besessen haben, 10 Jahre gratis zur Pacht überlässt und nach 10 Jahren anfängt, einen Pachtpreis zu verlangen, wobei die Pachtverträge so langfristig abgeschlossen werden, dass eine Nutzung des Grundstücks und eine Investition ins Grundstück möglich und sinnvoll ist. Was man mit dem Geld anfangen könnte, dürfte sich alle selbst überlegen.

Montag, 10. August 2009

Der typische Schweizer - Rene Kuhn

Das ist er - der typische Schweizer. Flo bzw. die Gemeinde Spreitenbach hat ihn gesucht: Will man in Spreitenbach eingebürgert werden (die Formulierung scheint schon paradox zu sein: man wird dann ja nicht in erster Linie Spreitenbacher, sondern Schweizer, aber so ist das halt mal), dann muss man folgende Frage beantworten können:

Was isst / hat der typische Schweizer?
Zunächst sollte man mal einen typischen Schweizer finden, und voilà, die brisanten News eines Sommerlochtages bringen ihn zum Vorschein, es ist Rene Kuhn. Von seinem leuchtenden Beispiel kann man einige Antworten auf die oben stehende Frage ableiten, denn als typischer Schweizer
  • hat man natürlich eine Frau, am besten eine rassige Russin, die auch noch so schön malen kann
  • hat man eine Homepage, auf der man deutlich macht, was man denkt, wofür man einsteht und wer man ist.
  • hat man Freude, wenn man aus den Ferien zurückkommt, insbesondere, wenn diese »in einem vom Kommunismus runter gewirtschafteten und gezeichneten Land« stattgefunden haben (man könnte denken, es handle sich um das Herkunftsland der rassigen Russin, und nicht auf das Land, das auf dem Bild zu sehen ist)
  • hat man nicht mehr so Freude, wenn man die linken Frauen in der Schweiz sieht, denn im Ferienland sind sich Frauen »nicht zu schade, sollten die Haare grau werden, diese zu färben, damit sie auch im Alter attraktiv wirken und nicht mit ihren grauen Haaren um 10 Jähre älter wirken«, und kommt dann zum Schluss: »Die linken Schweizer Frauen könnten noch einiges Lernen, aber diese Emanzen laufen lieber wie Vogelscheuchen umher.« [Quelle: zisch]
  • hat man noch weniger Freude, wenn andere die eigenen Gedanken auch lesen, denn dann muss man sich rechtfertigen, und das klingt dann so: »Warum sich die SP nun so über meine Äusserungen aufregt ist mir schleierhaft, denn ich meinte nicht einmal die Frauen aus dem Parlament, sondern was einem tagtäglich auf der Strasse begegnet. Aber da fühlen sich wohl einige angesprochen, obwohl ich nur eine kleine Minderheit damit meinte.«
  • hat man ganz allgemein ein solides Verständnis vom Rechtsstaat (auch Rene Kuhn darf auf seiner Homepage seine Meinung vertreten, auch wenn es sich nicht um die Meinung der SVP handelt, damit wäre auch der Punkt »Freiheitsrechte« aus dem Einbürgerungstest Spreitenbachs abgehandelt) und von politischen Mechanismen: Wenn Herr Kuhn nämlich nicht gewählt wird, liegt es daran, dass die Wahlbeteiligung bei 30% lag, denn: »Eine schlechte Wahlbeteiligung wirkt sich immer enorm auf die Ergebnisse der SVP aus.«
  • Leider erfährt man nicht, wovon sich der gute Mann neben Zigarren und gutem Wein ernährt, aber man kann annehmen, wie allen rechten Schweizer mag er auch mal einen Kebab und ein gutes Stück brasilianisches Rinderfilet, dem er dann als Schweizer Rindsfilet sagt.
Man kann froh sein, ist der typische Schweizer keine Frau, denn dann gehörte er zu dem, »was einem tagtäglich auf der Strasse begegnet«. In den 80er-Jahren hätten Leute vom Schlag Rene Kuhns sich selber geraten, doch nach Moskau zu gehen, wenn ihm dort die Frauen besser gefallen. Heute rät man ihm, sich doch die Homepage von einem Profi betreiben zu lassen, wenn er in der Politik wirklich Fuss fassen möchte.

P.S.: (klick to enlarge)

Donnerstag, 6. August 2009

Gewalt als Mittel

Schlagzeilen populärer Medien suggerieren, dass die Anschläge auf Herrn Vasella breite Bevölkerungsschichten interessieren bzw. interessieren könnten. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass in westlichen Demokratien erfolgreiche Menschen (unabhängig davon, ob ihr Erfolg moralisch legitimiert oder verdient ist) so etwas wie identifikatorischen Neid genießen: Man beneidet sie, weil man sich (oder eine Variante seiner selbst) mit ihnen identifiziert. Klingt trivialpsychologisch, ist es auch; erklärt aber, warum man Bonuszahlungen zwar eine Frechheit findet, sie aber auch gerne erhalten würde.
Zurück zu Vasella. Nun sind diese Tierschützer also auch Terroristen, zumindest die ausländischen. Jedem ist sofort klar, dass Grabschändung und Abbrennen von Jagdhäusern; ja Gewalt im allgemeinen weder taugliche noch ethisch vertretbare Mittel sind, ein Anliegen durchzusetzen. Und Bomben über Städten abwerfen, damit die Zivilbevölkerung in einem Feuersturm ums Leben kommt, auch nicht. (Goodwin's Law ist wieder mal erfüllt.)
Was hat Novartis mit den Nazis gemeinsam? Zwei Punkte:

  1. Rechtsstaatlichkeit und Gesetze hemmen sie in ihren Bemühungen nicht. Gibt es Gesetze, werden sie umgangen, ignoriert, geändert etc.
  2. Niemand ist verantwortlich, weil alle (die Konsumenten, das »Volk«) ja wollen, was sie tun. Der CEO tut, was der Verwaltungsrat will, und der macht, was die Aktionäre wollen, und die Aktionäre machen, was den Aktienkurs steigen lässt, und was den Aktienkurs steigen lässt, sind gute Medikamente, und die wollen ja alle, die mal krank werden könnten, also sind die Verantwortlichen nur Ausführende dessen, was man als Allgemeinwohl bezeichnen kann.
Nun ist im Falle der Nazi gewaltsamer Widerstand als das einzige Mittel erkannt worden - aber auch nur, weil die Nazis »angefangen haben«. Irgendwie war schon Krieg, und da war das Kriegführen nicht so schwer zu legitimieren, zumal alle Angst haben konnten, selber zum Opfer zu werden.
Der Fall Novartis ist da etwas anders gelagert, aber nicht im Falle Tierschutz. Nehmen wir mal an, eine demokratische Mehrheit wollte keine Tierversuche oder nur sehr eingeschränkte. Diese demokratische Mehrheit ist die demokratische Mehrheit eines Landes, also können die Tierversuche in einem anderen Land durchgeführt werden. Dieser Mechanismus betrifft nicht nur Tierversuche, sondern Arbeits-, Steuer- und grundsätzlich alles Recht. Demokratische Mittel können also eine globale Firma nicht treffen, es sei denn, sie sei auf eine gewisse Infrastruktur (Banken) angewiesen. Welche anderen Mittel stehen dann zur Verfügung, um eine Veränderung zu bewirken?
Vielleicht gibt es bessere Möglichkeiten, die gerne in den Kommentaren hinterlassen werden können: Aber ein Jagdhaus abzubrennen, finde ich persönlich nicht so schlecht. Es ist niemand gestorben, die Verbindung zwischen Novartis und Tierversuchen hat Aufmerksamkeit in den Medien erhalten und vielleicht ist es Herrn Vasella nicht mehr so wohl.
Zudem ist alles - um mit Watzlawick zu sprechen - eine Frage der Interpunktion: Sind die Taten der Tierschützer (was für ein Label) eine Reaktion auf das Vorgehen von Novartis - oder sind sie der initiale Akt, auf den dann (z.B. die Polizei) reagieren muss?

Donnerstag, 30. Juli 2009

Unterwegs - Perlen der Werbung

Werbung - so vielleicht ein etwas verkürzter Gedankengang - ist entweder Produktinformation, also eine Dienstleistung für den Konsumenten, oder aber Ausdruck eines Bestrebens, den Konsumenten dazu zu bewegen, ein Produkt zu kaufen, das er zu diesem Preis nicht gekauft hätte, wenn es Werbung nicht gäbe - also Information oder Manipulation. Heute sind mir drei Formen von Werbung begegnet, die doch sehr verlockend aussehen:
Diese großartige Show gibt es bald im Hallenstadion. Dazu ein Pressetext:

Ben Hur übersteht die Galeerenstrafe nur durch seinen Wunsch nach Rache und der Liebe zu der schönen Esther. Im legendären Wagenrennen besiegt er seinen Widersacher und früheren Freund, den Römer Messala. Die Begegnung mit Jesus überzeugt Ben Hur schliesslich von der christlichen Friedensbotschaft, und er wendet sich von seinen gewaltsamen Racheplänen ab.
Die Show zeigt nun die Rache Ben Hurs exzessiv, um dann am Schluss die Liebesbotschaft Jesu zu verkünden (zumindest besagt das das Werbeplakat). Wäre diese Botschaft angekommen, gäbe es wohl wenige Leute, die sich an der Darstellung von Gladiatorenkämpfen aufgeilen würden. Aber gut: Die Botschaft wurde ja vor 2000 Jahren verkündet, vielleicht gut, dass das jemand noch einmal tut.
Aldi und Lidl zwingen ja ihre Produzenten und Mitarbeitenden immer wieder, neben ihrer eintönigen Arbeit zu miesen Bedingungen auch noch so zu tun, als fänden sie den Betrieb eine Lebensbereicherung und seien ganz glücklich, dort zu arbeiten. Den Konsumenten wird gleichzeitig suggeriert, es sei eine Art Errungenschaft, dass es nun 100 Filialen von Aldi in der Schweiz gebe. Auf einem dieser Plakate hat es eine Mitarbeiterin geschafft, sich der Allmacht ihres Arbeitgebers zu verweigern: Geschickt duckt sich die Dame hinter dem nett winkenden Herrn.
»Das Rätsel gibt es nicht…«, schrieb Wittgenstein. Und offenbar hatte er Unrecht: Es gibt es doch. Nun gut, wir sehen einen sympathischen Herrn, nicht ohne Geschick in der Küche, er verwendet Balsamico für die Salatsauce, koch Rahmschnitzel mit Schweizer Rahm und verwendet sogar einiges Gemüse, wenn auch Mayonnaise, aber immerhin, er kocht, und probiert, während er kaum wahrnehmbar in die Kamera blickt. Ihm ist ein Fehler unterlaufen: Er hat Zucker und Salz verwechselt. Das die Information aus dem Titel. Und nun die Frage, welchen Schluss müssen wir als aufmerksame BetrachterInnen dieses Plakats ziehen? Klar - dieser Mann geht, weil er schon Salz und Zucker verwechselt hat, auch noch gleich Blutspenden. Oder: Irgendwie hat er ein Problem, welches ihn daran hindert, Salz und Zucker zu unterscheiden, aber das Problem hindert ihn nicht daran (»doch«), Blut zu spenden. Oder übersehe ich etwas?
(On a more serious note: Blutspenden wäre wirklich gut, es fehlt an Konserven und mit solchen Kampagnen kann das Problem wohl nicht gelöst werden. Auch nicht damit, dass man Schwule daran hindert, Blut zu spenden.)

Dienstag, 28. Juli 2009

Taxifahren - Oder die grosse Metapher unserer Zeit

Die wirklichkeitsgenerierende Bedeutung von Metaphern ist hinreichen bekannt; neuestes Beispiel: Die Schweinegrippe. Während schon nur der Name suggeriert, es handle sich um etwas Schweinisches, um ein so üble Krankheit, dass sie nur von Schweinen kommen könne oder einem zum Schwein werden lasse - so ist das nichts im Vergleich zu den jüdischen und muslimischen Opfern der Krankheit, die tunlichst den Schweinekontakt meiden und nun trotzdem diese Krankheit bekommen haben. Also besser »mexican flu«, was nun wieder die Mexikaner nicht mögen. (Dabei müsste die Grippe Citroën-Grippe heißen.) Davon abgesehen: Es handelt sich um eine stinknormale Grippe. Bitte lockerbleiben.
Die zentrale Metapher unserer Zeit ist das Taxifahren. Nicht unbedingt, ein Taxi zu besteigen, was ich, seit ich kein Auto mehr habe, ab und zu mache (subjektive Logik: So viel, wie ich für Bussen ausgegeben habe, darf ich in Taxifahrten investieren) und dabei die grausigen Zustände in den Taxis Zürichs kennen gelernt habe: Orts- und landesspracheunkundige Fahrer, welche nicht nicht freundlich, sondern dezidiert unfreundlich sind, während der Fahrt, die notabene mit 85 über unübersichtliche Strassen führt, auf ihrem iPhone spielen und ein Gefährt fahren, das aussieht, als sei es einem polnischen Autodieb in Mazedonien entwendet worden, wo es seit drei Jahren von Hühnern bewohnt worden ist. Aber eben: Ums Mitfahren geht es nicht, sondern ums Selberfahren.
Das haben nämlich eine Autorin und ein Autor getan, und diese Erfahrungen in ihren teilweise autobiographischen Büchern verarbeitet.
Bei beiden steht der Lebensabschnitt Taxifahren für eine Periode der Desorientierung: Man wird zwar - lausig - bezahlt, scheint sich auszukennen in der Großstadt Wien (Glavinic) bzw. Hamburg (Duve), fährt aber genau dort hin, wo die grösstenteils degenerierten Fahrgäste hinwollen. Und die Protagonisten warten, dass irgendwann etwas passiert, und das geschieht dann auch, und dann fahren sie nicht mehr Taxi: Doch dass sie von A nach B führen oder B ihr Ziel ist oder es überhaupt ein Ziel gibt, bei dem, was sie danach tun, da kann man nicht sicher sein. Glavinics an Wie man leben soll (der bessere der beiden Romane) irgendwie anschließender Roman, Das bin doch ich, lässt erahnen, dass auch eine Schriftellerexistenz einen nicht von den Problemen befreien kann, welche einen in die Taxifahrerexistenz geführt haben. Und daran schließt dann die These an, dass wir, diese Generation (Krisenkinder), alle irgendwie Taxifahrende sind.
Und Taxifahren als exemplarisches Beispiel zeigt ein weiteres Problem sehr schön auf: Das Problem des Kapitalismus und seiner Ausgangslage. Dass Menschen keine homo oeconimicus (Pl.; natürlich kann ich sowohl homo als auch oeconomicus lateinisch deklinieren, finde das aber etwas angeberisch, zudem ist das ja ein Modell, es muss also nur einen geben, nicht mehrere) sind, ist hinlänglich bekannt, dass aber auch der freie Markt nicht dazu führt, dass man ein Produkt zu dem Preis anbieten kann, den man gerne hätte, und dann vielleicht einen Kunden findet, der bereit ist, diesen Preis zu zahlen - und zwar ganz einfach deshalb, weil der Markt nicht ein Markt ist, wo Zitronen feilgeboten werden, sondern ein Teil eines komplexen Wirtschaftssystems.
Auf der einen Seite gäbe es wohl Kunden, die zu gewissen Zeiten für einen gewissen Taxiservice viel mehr zahlen würden, als die Taxis kosten - auf der anderen Seite verdienen Taxifahrer offenbar miserabel und schreien nach noch mehr staatlicher Reglementierung des Taxibetriebs (Vergabe von weniger Lizenzen). Grundsätzlich müsste man davon ausgehen, dass der Markt sich selber reguliert und teurere Taxis vielleicht mehr Leistung bringen, günstigere weniger - aber tatsächlich kostet eine Taxifahrt, egal von welchem Anbieter, gleich viel. Eine Tendenz, die sich in vielen Bereichen unsere Wirtschaftssystems zeigt: Handytarife, Medikamentenpreise und viele weitere Produkte funktionieren nach anderen Gesetzmässigkeiten, als man es erwarten würde.

Samstag, 25. Juli 2009

Täter - Opfer: revisited (Mein Lieblingsargument)

Im Magazin findet sich heute ein Artikel, der mit einer Frage überschreiben ist: Wird er es wieder tun? Der exzellente Artikel von Mathias Ninck befasst sich mit einem verwahrten Vergewaltiger, der nach Ansicht aller Experten 20 Jahre nach seiner letzten Tat keine Gefahr für seine Mitmenschen darstellt - und gleichwohl weiterhin verwahrt bleibt, obwohl es dafür keine Grundlage gibt. Die Grundlage von Verwahrungen, welche keine Strafe darstellen, ist die potentielle Gefährdung, welche von einem Menschen ausgeht, der »nicht-therapierbar« ist.
Nun wird den LeserInnen dieser Seite bekannt sein, dass ich folgende Punkte beängstigend finde:

  • der Diskurs über juristische Themen wird in der Schweiz von Laien geführt
  • Prinzipen der Rechtstaatlichkeit und des fairen, gerechten juristischen Vorgehens werden von diesen Laien missachtet
  • die Solidarität mit so genannten Tätern wird aufgekündigt, Strafen können nicht hart genug sein
  • Urteile und Expertisen, welche wissenschaftlich fundiert und alle Aspekte eines Falles einbeziehen, werden vor dem Hintergrund der »Taten« als zu milde abgetan.
Dabei ist völlig rätselhaft, warum Juristen, Richter und Psychiater Täter schonen sollten, ihnen zu kürzeren Strafen verhelfen oder sie nicht verwahrt sehen wollen - aber das ist wohl ein Bestandteil einer Verschwörungstheorie gegen den juristischen Apparat.
Mit grosser Regelmässigkeit (so auch in den Kommentaren zu diesem Artikel) wird jedoch ein vermeintliches Totschlagargument verwendet: Wer auf Fairness gegenüber Tätern besteht, dem wird unterstellt, er würde seine Meinung sofort ändern, wenn er entweder ein Opfer einer Gewalttat würde oder aber wenn ihm nahe stehende Menschen Opfer von Gewalttaten würden. Dieses Argument ist weder geschickt noch perfide: Es ist dumm. Ganz generell beurteilen Menschen Sachverhalte, indem sie sich vorstellen, daran beteiligt zu sein. Das Problem dabei ist, dass wir uns leichter vorstellen können, ein Opfer einer Gewalttat zu werden, als der Täter einer Gewalttat zu sein - was aber nicht heißt, dass wir uns nicht auch vorstellen könnten, wie es ist, 20 Jahre eingesperrt zu sein und grundlos weiterhin eingesperrt zu werden, um dann zu merken: Wenn wir eine gefahrenlose Gesellschaft wollten, müssten wir einfach alle Menschen einsperren… Ein weiterer Grund, warum das Argument völlig haltlos ist, ist die Natur unseres Rechtssystems: Wenn es nämlich immer diese Massnahme anordnen würde, welche Opfern und Freunden von Opfern als die angezeigte erscheint, dann bräuchten wir es gar nicht mehr: Weil dann Rache das ökonomischere und effizientere Prinzip wäre.
Es handelt sich bei diesen Überlegungen nicht um Spitzfindigkeiten: Eine Gesellschaft, welche 200 Menschen präventiv einsperrt, ohne dass diese für etwas verurteilt worden wären, und dies nicht Grund zur Beunruhigung findet: Die hat grössere Probleme als die Schweinegrippe.

Donnerstag, 23. Juli 2009

Wanted

Dieser sympathische Wirt lässt auf seiner Homepage verlauten, zwei Gäste hätten bei ihm einen halben Liter Wein getrunken und dann die Rechnung nur partiell bezahlt, während er auf die Kantonspolizei gewartet habe. Freundlicherweise hätten andere Gäste Bilder von diesen beiden mutmasslichen Zechprellern gemacht, welche er dann auf seiner Homepage veröffentlichte. Das die Ausganglage.
Als nächstes berichtet die versammelte Boulevardpresse der Schweiz über diesen Fall, z.B. so. Dass der Effekt des »Internetsprangers« nur durch diesen zweiten Schritt entstanden ist, dass also Personen, an denen kein öffentliches Interesse besteht, in einem nationalen Medium eine Straftat unterstellt wird, dürfte im Hause Ringier niemandem auffallen, da Medienethik da als ein Relikt aus dem 20. Jahrhundert angesehen wird, das damals schon mehr Umstände bereitet hat, als Leserzahlen generiert.
Als dritter Punkt sieht sich der arme Wirt mit einer Welle der Entrüstung konfrontiert, auf die er reagieren muss. Seine Reaktion bezieht sich nicht auf seinen Umgang mit dem Datenschutz, dazu meint er:

«Ob ich da eine Bestimmung verletzt habe, ist mir egal – reklamieren können ja nur die beiden. Dann weiss ich wenigstens, an wen ich die Rechnung schicken kann!»
Sondern er reagiert eloquent auf den Vorwurf, der Wein könnte etwas überteuert sein. Sein Wein kostet nämlich im Offenausschank 52.50 Fr. für 5 dl (im Einkauf wohl rund 15 Fr. pro 7dl Flasche, wie eine kurze Google-Recherche offenbart, mit der ich niemanden langweilen möchte). Fazit: Datenschutz, grundsätzliche rechtliche Überlegungen - all das kann einem egal sein, so lange niemand denkt, man verkaufe überteuerten Wein.
Und wie problematisch das Ganze wirklich ist, vielleicht noch einmal ganz abstrakt: Ich darf also ein Bild von zwei Personen im Internet und in Massenmedien veröffentlichen und ihnen eine Straftat unterstellen, die auf dem Bild nicht erkennbar ist - und denjenigen, die mir die Identität dieser Personen offenlegen können, eine Belohnung in Aussicht stellen.

Mittwoch, 22. Juli 2009

Wacht beständig!

Eine Woche Berlin - und wohin man geht, Leute mit Namensschildern, auf denen in jeder erdenklichen Sprache der Welt »wacht beständig« steht. Nun ist Wachsamkeit eine Tugend, die einige meiner Freunde für sich beanspruchen: Und doch war mir zunächst unklar, warum all diese Leute beständig wachen sollten und dies auch noch mit Namensschild.
Als mein iPhone dann auch in Berlin Daten empfangen konnte (orange hat mich zunächst davor bewahrt, auch im Ausland Verbindungen herstellen zu können), gab mir Google Aufschluss: Die Zeugen Jehovas haben oder hatten sich die grössten Stadien in Deutschland gemietet, um an einem Kongress zu tun, was Zeugen Jehovas tun.
Und wenn Google schon einmal dabei war, mir die Welt zu erklären, konnte ich auch gleich nachlesen, was die denn so tun, diese Zeugen, und warum die beständig wachen müssen (zumal ich ja offenbar zu 13% dasselbe glaube wie Zeugen Jehovas). Während man aufgrund der missonarischen Tätigkeit dieser Leute denken könnte, es handle sich um eine klassische Sekte, scheinen die Leute andererseits mit allgemeinen Vorurteilen konfrontiert zu sein, welche ihnen das Leben schwerer machen als nötig, zumindest in Deutschland, wo es offenbar recht viele von ihnen gibt.
Die Zeugen Jehovas - so viel lässt sich wohl objektiv sagen - haben das gleiche Problem wie eine Menge religiöser Gruppierungen: Sie lesen die Bibel nicht als ein historisches und ein literarisches Werk, sondern leiten aus kryptischen Passagen Gebote oder Wirklichkeitsbeschreibungen ab, welche absolute Gültigkeit beanspruchen. Problematisch sind inbesondere drei davon:

  • dass Bluttransfusionen gegen ein Gebot Gotts verstossen (nämlich das hier, Gen. 9, 4)
  • dass Mission ein Auftrag für gläubige Christen sei
  • dass mit dem Harmagedon der Weltuntergang nahe sei (bzw. das jüngste Gericht) und dann genau 144'000 Menschen gerettet werden (problematisch ist das, weil die Zeugen Jehovas diesen Weltuntergang schon mehrmals prophezeit haben, was aus PR-technischen Gründen immer mit Schwierigkeiten verbunden ist). An dieser Theorie ist interessant, dass diese von Gott Auserwählten, die dann später auch Regierungsfunktionen übernehmen müssen oder dürfen, offenbar national verteilt sind, denn in Kanada, so der Schluss dieses FAZ-Artikels, gebe es noch recht viel Platz. Natürlich können nur Zeugen Jehovas gerettet werden. Jährlich werden aber offenbar ca. 290'000 neue Zeugen getauft, weltweit gibt es rund 50 mal mehr gläubige Zeugen Jehovas, als gerettet werden können. Als Gott die Bibel geschrieben hat, hat er wohl einfach irgendwie nicht an Bevölkerungswachstum gedacht.

Montag, 20. Juli 2009

Strategien


Fast so hat es ausgesehen, mein letztes Fahrrad (der Rahmen war schwarz, nicht grün). Ans Herz gewachsen ist es anders als seine drei Vorgänger nicht, denn es war hässlich, rostig und lief nie wirklich toll. Sein einziger Vorzug war sein Preis, der war günstig oder eher billig.
Nun wollte ich am Donnerstagabend mit dem Fahrrad eine Fahrt unternehmen, wie das so gedacht ist. Allerdings hatte ich es vielleicht ein halbes Jahr nicht gebraucht, war also nicht erstaunt, als ich es im Keller, wo ungefähr 30 Fahrräder stehen, suchen musste. Die Suche konnte aber nicht abgeschlossen werden - weil sich das Fahrrad nicht mehr auffinden ließ. Keine wirklich neue Erfahrung: Seine drei Vorgängen kamen am Bahnhof Wettingen ebenfalls als Teil eines Rudels von Fahrrädern abhanden. Dieses Exemplar nun im eigenen Keller.
Zumindest bin ich mir total sicher. Die Frage, ob das Fahrrad allenfalls gar nie im Keller gestanden habe und z.B. immer noch am Bahnhof angebunden sei, vor dem Haus gestohlen worden sei oder allenfalls einfach irgendwo stehen gelassen worden sei, wurde zwar schon aufgeworfen, muss aber kategorisch verneint werden. Nicht, weil ich nach einem halben Jahr Fahrradlosigkeit mir dessen völlig sicher wäre, sondern weil ich mir nicht den Anschein geben will, mich in solchen Fragen verunsichern zu lassen. Es. War. Im. Keller. Und. Ist. Jetzt. Gestohlen. Worden. Nun kaufe ich mir ein Fahrrad, zu dem ich ein Verhältnis gegenseitigen Vertrauens und Respekts aufbauen kann, dann werde ich auch immer wissen, wo es ist (und es weiß, wo ich bin).
Das ist die eine Strategie. Die andere Strategie betrifft die Frage, was ich mache, wenn ich jemanden sehe, der oder die mein Fahrrad fährt. Leute, die ich kenne, sollen schon am 1. Mai am Helvetiaplatz ihr Fahrrad erkannt, seine Fahrerin zur Rede gestellt haben und dann durch den sich entwickelnden Tumult nicht mehr in der Lage gewesen sein, die richtigen rhetorischen Mittel einzusetzen, um wieder in den Besitz ihres Eigentums zu gelangen (nebenbei habe ich hier noch zwei juristische Fachtermini eingefügt). In Glavinics Roman Das bin doch ich (über den ich noch einen eigenen Post verfassen werde), taucht eine Frau auf, die bezüglich eines Mobiltelefons sagt:

Entschuldigen Sie, wo haben Sie Ihr Handy gekauft, das da liegt? Ich will Sie ja nicht verdächtigen, aber mir wurde vorige Woche eines gestohlen, und das war genau so eines.
Nun, so geht es natürlich nicht. Vorausgesetzt, ich erkenne mein Fahrrad, wogegen fast alles spricht, würde ich wohl Handlungen sprechen lassen. Es nehmen und vielleicht beiläufig murmeln: »Ich stell das dann mal wieder in meinen Keller.«
Wobei daran dann die Frage anschließt, die mich auch umtreibt: Was würde passieren, wenn ich mit zwei Kollegen auf dem Heimweg wäre und zwei Jugendliche uns mit Kopfnüssen dazu bewegen wollen, ihnen unser Geld zu geben. Könnte ich mich, wie ich mir das ausmale, zur Wehr setzen, ihnen ein paar Kopfnüsse verabreichen und sie verbal so zurechtweisen, dass sie fortan am Samstagabend kaum noch wagen werden, Wetten, dass zu sehen - oder läge ich bald schutzlos am Boden, fürchtend, die Investition meiner Eltern in meine Zahnkorrektur habe sich wohl nicht gerechnet?

Montag, 29. Juni 2009

Gibt es Alternativen?

Darin liegt das historisch Unerhörte des Kapitalismus, daß Religion nicht mehr Reform des Seins sondern dessen Zertrümmerung ist. [Walter Benjamin, Quelle (pdf)]
Die Frage, ob es Alternativen zum Kapitalismus gebe, wird derzeit breit diskutiert und ebenso breit negiert. Nur weil sich historisch keine Alternativen haben durchsetzen können, heißt das aber nicht, dass sich solche nicht finden ließen. Zunächst kann man sich fragen, aufgrund welcher Kriterien sich ein Wirtschaftssystem durchsetzen kann. Dazu nur ein Gedanke: In kapitalistischen Systemen entscheiden Menschen oft so, als wären sie potentiell reich. Sie lassen sich auf einen »capitalist dream« ein, der zwar jedem und jeder die Möglichkeit gibt, reich zu werden - und dabei außer acht lässt, dass dieser Reichtum mit der Armut anderer Menschen erkauft wird. Würde man sich an den Ärmsten orientieren - wie das Gerechtigkeitstheoretiker vorschlagen -, hätte sich der Kapitalismus wohl kaum durchgesetzt.
So kommt es auch, dass die lösbaren Probleme des Kapitalismus nicht gelöst werden können. Man könnte nun Kapitalismus durch eine Reihe von Gesetzen beschränken, z.B. die Löhne von Managern beschneiden etc. Solche Vorschläge scheinen dem Prinzip des Kapitalismus zu widersprechen, wonach Preise rational sind: Wenn es jemanden gibt, der für die Leistung dieses Managers so viel zahlen will, dann darf er das m.E.
Probleme gibt es grundsätzlich vier:
  1. Kapitalistische Ordnungen sind dann fair, wenn sie überschaubare Systeme betreffen. Ein Austausch von Waren und Geldern über Kulturen (und Systeme) hinweg muss zu Paradoxien und Ungerechtigkeiten führen. Und sei es nur, dass der Kapitalgeber Leute ausnutzen kann, ohne von ihnen damit konfrontiert zu weden, ohne überhaupt ein Gesicht zu haben. Wer ist denn letztlich dafür verantwortlich, dass in China Wanderarbeiter eigentliche Sklavenarbeit verrichten müssen? Niemand, natürlich. Oder: Wir alle, weil diese Leute in eine System eingebunden sind, aus dem wir unsere Kleider und Gadgets beziehen.
  2. Gewisse Dinge können niemandem gehören, weil es niemanden gibt, der sie verkaufen könnte, sie sind Allgemeingut. Dazu gehört das Land und alle Ressourcen. Sinnvoll wäre es, Pachtpreise für Land zu bezahlen, welche der Allgemeinheit zukommen.
  3. Geld muss zirkulieren. Es darf keine Anreize geben, Geld dem Fluss zu entziehen. Hier könnten wohl volkswirtschaftliche Korrekturen vorgenommen werden, die ich im Detail nicht verstehe. Grundsätzlich scheint das System immer dann gut zu funktionieren, wenn verschiedene echte Bedürfnisse durch den Markt gegeneinander abgewogen werden müssen. Das Bedürfnis, aus viel Geld mehr Geld zu machen, sollte aber dazu nicht gehören - und es wird eben nur durch die Leute gestützt, die sich denken, dass sie auch einmal erben werden, dass sie auch einmal mit einer krassen Steuerprogression konfrontiert sind.
  4. Es darf nichts gratis geben. Wenn etwas gratis ist, heißt das, dass die Allgemeinheit für die Kosten aufkommt. Das Schwarzfahrerproblem ist in zu vielen Bereichen vorhanden.
Die Diskussion solcher Probleme ist nicht neu und eigentlich auch krisenunabhängig. Fazit wäre: Die Freiheit des kapitalistischen Systems lässt sich vereinbaren mit einem besseren System, wenn seine Grösse beschränkt, sein Geldfluss gesichert, Besitz von Allgemeingut verunmöglicht und sämtliche Kosten erfasst werden.

Montag, 22. Juni 2009

Verdachtsmomente

Wenn man oft Zug und Bus fährt, mustert man seine Zeitgenossen. Und man entwickelt ein Zeichensystem, aus dem darauf schließt, ob man neben dieser Person pendeln, eine Mahlzeit einnehmen oder die Zeitung lesen möchte - wenn man denn die Wahl hat. Einige dieser Indikatoren seien hier preisgegeben:

  1. Übermässiges Parfum. Junge Frauen, die sich eben in Kokosbutter vom Body Shop oder in Blütenzauber von L'Occitane en Provence gebadet haben, ihren Duft mit 15 schnellen Sprühdosen »Oops I did it again« von Britney aufgefrischt oder allenfalls grad daran sind, sich in der S-Bahn neu zu schminken, sind verdächtig. Ebenso aufdringlich parfümierte Männer, aber die gibt es eher selten.
  2. Bierdosen. Es gibt Leute, die trinken in der S-Bahn morgens um halb sieben ein grosses Feldschlösschen. Aber die Aussage gilt fast allgemein: Eine grosse Dose Prix-Garantie-Bier ist ein guter Indikator, ausser man fährt mit dem Bus an ein Open Air oder um halb zehn abends an die Langstrasse, weil man da keinen Platz finden würde, wenn man diese Regel beherzigte.
  3. Kleider mit Aufdruck oder Tatoos drauf, Don Ed Hardy insbesondere. Ein deutliches Zeichen, dass man bald ein Handygespräch mitverfolgen darf, das man nicht geniessen, dem man sich aber auch nicht entziehen kann.
  4. Handy, aus deren Lautsprecher irgendwas scherbelt. Wer Musik hört, welche man auch aus einem Handylautsprecher hören möchte, hört Musik, die ich sicher nicht hören möchte. Problem: Hier muss man nicht nur ein Abteil weiter gehen, sondern gleich den Waggon wechseln.
  5. Mitgeführte Haustiere. Seien es Hunde, welche in Taschen gepackt sind, Hunde, welche unter dem Sitz schlafen oder Hunde, die einem in den Schoß geifern - ein Problem bahnt sich an. Das gleiche gilt aber auch für Tiere, für die ich Wohlwollen aufbringen kann.
  6. Pulver auf dem Tischchen, das mit einer Coop-Superkarte bearbeitet wird. Ein gutes Zeichen, das man bei der nächsten Dopingkontrolle auffliegen könnte, auch wenn man Martina Hingis ist.
  7. Kinder, die Mützen tragen, welche zu farbig sind. Ein Zeichen dafür, dass sie sich auf einem Schulausflug befinden und aus sozialen Gründen bald Dinge tun werden, welche ihre Begleitpersonen vor erzieherische Herausforderungen stellen.
Sobald ich diesen Post veröffentliche, werden mir noch weitere Zeichen in den Sinn kommen - vielleicht sind mir aber auch sonst einige entgangen…

(Ah ja, sitze möchte ich neben der Dame im Deux-Pièce oder dem Herrn im Anzug, die allenfalls einen Becher Espresso mit sich führen, auf ihrem Laptop klimpern und allenfalls die NZZ lesen. Auch wenn ich nicht so formal gekleidet bin - irgendwie würde ich gerne neben mir sitzen, auch wenn ich meistens drei Plätze beanspruche und nicht möchte, dass sich jemand neben mich setzt…)

Montag, 15. Juni 2009

Gottes geniale Idee

Ein »Bündnis Christliche Schweiz« macht mit einer Plakatkampagne auf sich aufmerksam: Abgesehen von der Frage, ob Gott Ideen habe, ob einzelne davon das Prädikat »genial« verdienen und ob die Familie eine Idee Gottes sei, kann man sich fragen, woher eine Organisation die Motivation und die finanziellen Ressourcen bezieht, um solche Plakate aufhängen zu lassen.
Ein Blick auf die Homepage des »Bündnisses« macht alles klar: Hier haben sich radikal-konservative Organisationen zusammengeschlossen, um Homophobie, Nationalismus und familienfeindlicher Politik einen harmlosen Anstrich zu geben.
So fröhlich die abgebildete Familie aussehen mag, so wenig Grund hat sie nämlich dazu: Der Vater darf zwar die ganze Familie ernähren, auch wenn er einen Beruf hat, in dem die Bezahlung dazu nicht ausreicht. Die Mutter arbeitet nur in der Familie, weil ein Krippenplatz grundsätzlich nicht infrage kommt, da Krippen und Horte die Familie auf eine obskure Art und Weise zu bedrohen scheinen. Die Tochter bekommt bei einer ungewollten Schwangerschaft während ihres Studiums ein Problem, weil eine Abtreibung in dieser Familie undenkbar ist, während der Sohn bei seinem coming-out in eine Therapie muss, da Homosexualität nichts anderes als eine Krankheit ist, was sich nach der Logik der beteiligten Organisation daran ablesen lässt, dass Homosexuelle sich öfter umbringen als Heterosexuelle. Eine Ehekrise darf es nicht geben, denn diese Beziehung muss gemäss Gottes genialer Idee ewig halten. Zu guter Letzt ist diese Familie äußerst stolz darauf, Schweizer zu sein, denn die Schweiz ist von Gott mit Frieden und Reichtum beschenkt worden, wahrscheinlich, weil schon im Bundesbrief Gott erwähnt worden ist.
Andere Familien sind - besser könnte man es nicht formulieren - Pseudofamilien. In diesem Sinne hoffen wir, dass Gott noch weitere geniale Ideen gehabt habt, welche Anlass zu Plakatkampagnen geben.

Montag, 8. Juni 2009

Münz

Nicht nur trage ich ständig mehr Münz in meinen Taschen, als akkustisch und physikalisch angenehm wäre, sondern mir gefällt irgendwie auch das Wort Münz, das ich so noch in keiner anderen Sprache angetroffen habe.
Ich mag aber auch andere Dinge, z.B. Glacé (auch ein Wort, das durch Eis irgendwie nicht adäquat wiedergegeben werden kann). Neuerdings (d.h. wohl seit ca. fünf Jahren, so kurz werden fünf Jahre, wenn man selber alt wird), neuerdings werden also solche Glacés an Kiosken (noch so ein Wort) eingescant und weil parallel Leute noch Lebensversicherungen abschliessen und Reisen buchen können an Kiosken, kann das Einkaufen von einem Glacé länger dauern, als die Wartezeit auf den Zug zuliesse. Deshalb habe ich kaum die Musse, auf das Wechselgeld zu warten, das ich erhalte, und renne weg. Dieses Wechselgeld ist wirklich unnötig: Warum kostet meine Glacé nicht 3 Franken oder 2 Franken, sondern 2.90 oder 1.90? Trivialpsychologisch mag das wohl ein Kaufanreiz sein, der sich aber wohl mittlerweile etwas abgenutzt hat.
Deshalb: Schaffen wir doch Münz ab. Es gibt Länder (e.g. Norwegen), in denen die kleinste Münze auch noch Kaufkraft hat. Eigentlich brauchen wir keine Unterteilungen, die kleiner als ein Franken sind. Warenhäuser können runden, billige Waren einfach so gebündelt werden, dass ihre Preise in ganzen Franken zu bezahlen sind. Das Rätsel, das sich nebenher noch stellt, ist: Warum entspricht das »Füfzgi« nicht proportional seinem Wert?

Sonntag, 7. Juni 2009

Natalie Rickli braucht einen Watchblog - Strafen

Wenn eine junge blonde Frau rassistische Positionen vertritt, Statistiken bewusst falsch auslegt und sich mit unsachlicher Politik medial profiliert, dann spielt die Tatsache, dass sie jung und blond ist eigentlich keine Rolle. Es sei denn, diese Tatsache lasse einen übersehen, dass hier unfaire, verlogene und dumme Politk gemacht wird, weil man sowas eigentlich eher von den die junge blonde Dame umgebenden Herren erwarten würde.
Ich werde deshalb Frau Rickli ein wenig auf die Finger bzw. auf die Vorstösse sehen und hier darüber berichten, auch wenn das nicht alle gleich interessieren mag. Der Tagi berichtet hier, dass sich Frau Rickli mit fünf Vorstössen Respekt verschafft habe. Diese fünf Vorstösse betreffen alle die so genannte »Kuscheljustiz« und sind geeignet, auch die Boulevardpresse zu beeindrucken. Grundsätzlich fordert Frau Rickli höhere Strafen für Gewalttäter und Vergewaltiger, z.B. für Vergewaltiger von Kindern unter 12 Jahren. Aus der ebenfalls verlinkten Antwort des Departements kann man erkennen, wo das Problem liegt: Niemand kann sich wirklich gegen höhere Strafen für solche Täter aussprechen, weil man dann jemanden zu verteidigen scheint, der eine verwerfliche Tat begangen hat. Dennoch gibt es strafrechtliche Abwägungen, welche auf empirischen Studien und juristischen Prinzipien beruhen, welche Frau Rickli entweder ignoriert oder nicht kennt. Das Problem liegt darin, dass diese Forderung nach strengeren Strafen jedes Jahr wiederholt werden kann, bis man irgendwann bei der Todesstrafe angelangt ist.
Allgemein sind strafrechtliche Diskussionen (v.a. in Bezug auf Einzelfälle) geprägt von einem unreflektierten Umgang mit der Funktion von Strafen. Strafen haben hauptsächlich eine gesellschaftliche Funktion - wir sind erleichtert, wenn die Leute, die sich nicht an die Regeln halten, dafür büssen. Diese Sühne ist berechtigt - aber nur in einem Mass, welches in der aktuellen Situation mehr als gefährdet ist.

Montag, 1. Juni 2009

Ein Thema, das kein Thema ist - und echte Themen

Ganz einfach: Jugendgewalt ist ein mediales und politisches Scheinproblem. Einerseits gibt es keine Statistiken, die eine Zunahme von Jugendgewalt belegen können, denn mit jeder Art von solcher Statistik ist die Frage verbunden, wie viele der tatsächlich erfolgten Delikte von offiziellen Stellen erfasst werden können. Andererseits wird es durch die politische und mediale Aufmerksamkeit zu einem scheinbar realen Problem, das unsere Wahrnehmung und Gefühle prägt. Am Bahnhof Kreuzlingen, in Meilen, in Baden und an vielen anderen Orten hat »man« Angst, weil man »weiß«, dass jugendliche Täter grundlos, überall und mit unglaublicher Brutalität zuschlagen.
Es ist deshalb umso bedenklicher, dass sich linke Parteien von rechten dieses Thema auf die Agenda setzen lassen, denn es ist ein populistisches Thema, bei dem weder echte politische Lösungen möglich sind noch sind sie nötig. (Die Ausnahmen stellen wenige »Intensivtäter« dar, welche mit jungedstrafrechtlichen Massnahmen kaum motiviert werden können, einen geregelten Lebensstil anzunehmen, aber die gabs schon immer.)
Was sollte also getan werden? Echte Themen ähnlich platzieren, wie das die SVP immer wieder schafft. Was sind echte Themen?

  • Die drohende Entmischung urbaner Gebiete beispielsweise, in denen Quartiere entstehen, wo nur noch reiche Menschen wohnen, zur Schule gehen, einkaufen, Steuern zahlen etc. und solche, wo nur noch arme Menschen leben.
  • Überkommene Strukturen in der Schweiz, zum Beispiel föderalistische. Wenn ich im Kanton Schwyz oder Obwalden wohnen, und in der ganzen Schweiz arbeiten kann, dann kann es nicht sinnvoll sein, dass der Kanton Schwyz oder Obwalden eigene Gesetze und eine eigene Administration hat; und sich dann z.B. der Kanton Obwalden weigert, sich an den kulturellen Kosten der Metropolen angemessen zu beteiligen. Aber auch viele andere althergebrchte Strukturen gehören geändert; die Schweiz könnte ein modernes Land werden, denkt, sie sei ein fast-modernes Land und vergisst, dass sie nicht nur hinsichtlich des Frauenstimmrechts einige Jahre Verspätung eingefahren hat, sondern diese Verspätung nie aufgeholt hat und auch nichts dafür getan hat.
  • Das wäre also ein weiteres Thema: Eine moderne Schweiz. Vorstellungen, wie ein Land funktionieren könnte, nicht wie es schon immer funktioniert hat. Ein Land, das nicht auf einem diffusen Reichtum basiert ist, den man für verdient hält, obwohl man nicht recht weiss, wie man ihn verdient hat (und wehe, jemand sagt etwas gegen das Bankgeheimnis).
  • Und dazu gehört auch, dass man Minderheiten respektiert, sie kennen lernt, wahrnimmt und ihnen einen Platz gibt. Und zwar nicht Afropfingsten und Europride, sondern einen Platz in der Nähe der Leute, die sich in der Merheit fühlen.
  • Ein weiteres Thema wäre, was in der Schweizer Medienlandschaft passiert. Die Qualitätseinbusse, die exemplarisch beim Tages-Anzeiger studiert werden kann, ist beträchtlich. Themen werden ausser bei der NZZ bei allen Tageszeitungen durch Scheinbedürfnisse der Leserschaft gesetzt, nicht durch sachliche Analyse der Geschehnisse. Natürlich auch deshalb, weil Medienarbeitende keine Zeit haben, um zu arbeiten, weil ihre Arbeit sich bezahlt machen muss, und sie keinen höheren Idealen als Leserzahlen verpflichtet sind.
  • Und viele Themen, die echte Themen sind, habe ich sicher übersehen.

Freitag, 29. Mai 2009

Alles ganz anders

Ich hab mir die Sache noch einmal überlegt, die Sache mit dem Betteln. Flos historisch-staatspolitischer Exkurs in Ehren (sie gebührt ja wohl auch ihm), das Problem liegt bei mir:
Bettelnde Menschen stellen einen Anspruch an mein Mitleid. Mitleid würde ich gerne nach klaren Kriterien vergeben: Kälber mit wuscheligem Fell, welche an der Mutter Euter säugen, bemitleide ich dafür, dass sie dereinst geschlachtet werden, Schweine hingegen weniger. (Bereits hier sieht man, dass mit meinem Mitleid wohl etwas nicht ganz stimmt.) Bettler bemitleide ich generell, aber eben: Vor allem im Ausland.
Nun ist es relativ feige, für meine Überforderung (und diejenige des Mitleids in mir) eine staatliche Lösung fordern zu wollen. Deshalb: Wer betteln will, soll betteln können. Schon allein die Tatsache, dass jemand einen Tag in einer Unterführung bettelt, ist ja irgendwie beunruhigend, auch wenn man damit möglicherweise Geld verdienen kann. Wenn ich wirklich finde, die Person verdiene mehr als ich, könnte ich das ja auch tun, eigentlich.
Für einmal von mir die Forderung nach weniger Staat, deshalb.

***

Und ich schließe - in Bezug auf den Staat - gleich noch meinen Unmut über die politische Handhabung der Kosten im Gesundheitswesen an. Unser System idiotisch zu nennen und unser Parlament korrput scheint irgendwie übertrieben zu sein - aber anders kann mans wohl nicht sagen. Wie kann man bei einer obligatorischen Grundversicherung mit vorgeschriebenem Leistungskatalog davon ausgehen, Wettbewerb bringe eine Kostenreduktion?

Freitag, 22. Mai 2009

Natürlich ausgestreckt

Natürlich ausgestreckt
Gibt eine Hand und empfängt mit gleicher Leichtigkeit. Nur
Gierig zupackend muß sie sich anstrengen. Ach
Welche Verführung, zu schenken.
Brecht, Der gute Mensch von Sezuan
Die Frage, der ich mich heute annehmen will, lautet: Was ist von Bettlern in der Schweiz zu halten?
Ausgangspunkt ist der Befund, dass die Schweiz weit gehend bettelfrei war, seit einiger Zeit (zwei Jahre vielleicht) neben Junkies vermehrt auch mehr oder weniger seriöse Bettler an vor allem kleineren Bahnhofen und in Einkaufspassagen anzutreffen sind.
Diese Tatsache stört mich zunächst. Wenn ich mir überlege, warum, dann merke ich, dass ich mit einem etwas chauvinistischen Nationalgefühl sagen muss, dass in der Schweiz niemand betteln müsse - was sofort impliziert, dass das schweizerische System irgendwie besser ist, und auch gar nicht stimmt: Sans-Papiers und andere »illegale« Flüchtlinge können sehr wohl gezwungen sein, zu betteln.
Die Frage ist also, ist das ein Bettler, der es nötig hat, oder einer, der es nicht nötig hat. Wobei auch diese Unterscheidung tückisch ist: Vor einer Weile hat der Tagi über eine Gruppe von Randständigen in der Nähe des HBs berichtet (in diesem Blogpost werde ich Quellenverweise für einmal vermeiden), die angemerkt haben, ihre Sozialhilfe würde natürlich keine Suchtmittelabhängigkeit und Tierarztrechnungen abdecken, wodurch sie es dennoch nötig hätten, zu betteln.
Andererseits hat Kollege Flo, der als Quelle einige Reputation genießt, berichtet, Bettler in St. Gallen würden bei einigermasser guten Arbeitseinstellung rund 300 Franken pro Tag verdienen, was wiederum bedeutet, dass sie bei 20 Arbeitstagen pro Monat auf ein steuerfreies Nettoeinkommen von 6000 Franken kämen, was wiederum bedeutet, dass eher sie mir als ich ihnen etwas geben sollte, da sie mehr verdienen als ich.
Zurück aber zum eigentlichen Thema: Mein Vorschlag wäre eine »zero Tolerance«-Politik bezüglich betteln. Das mag jetzt repressiv klingen, ist aber nicht so gemeint: Wer bettelt, soll über seine finanzielle Lage Auskunft geben und - falls nötig - zusätzliche Unterstützung erhalten. Wer bettelt, ohne bedürftig zu sein, kann verwarnt werden, im Wiederholungsfall könnte man von mir aus hypothetische Betteleinnahmen von staatlichen Zuwendungen abziehen. So weit meine Gedanken zu einer natürlich ausgestreckten Hand, die ich im Ausland wie von selbst habe, in Zürich aber nicht. Was sich aber vielleicht noch ändern kann…