Da schau ich mir am Sonntagabend (prokrastinieren) allein zuhause diesen Film an. Man könnte jetzt viel oder wenig über den Film sagen (man lese mal das, wenn einen der Film interessiert), ich lass es beim Rätsel unten bewenden. Der Charakter von Mos Def (was für eine Stimme) fragt aber in einer einigermassen heiklen Situation (und man kann sich vorstellen, wie ich mich in einen Film reinversetze am Sonntagabend): "When's your birthday?" Pause - Pause - Pause. Ich denke: Was sagt die nun wohl? Sie sagt: "..." Und es handelt sich um meinen Geburtstag. Die Chance, dass das passiert: 1:365. Etwa 8 mal kleiner, als dass die fünfte aufgedeckte Karte (River) in Texas-Hold'em genau die eine gewünschte ist. Unglaublich.
Und nun zum Rätsel, wiederum Mos Defs Charakter:
Du sitzt während einem Hurricane in einem Zweisitzer und kommst an einer Bushaltestelle vorbei. An der Bushaltestelle steht dein bester Freund (der dir schon mal das Leben gerettet hat), die Frau oder der Mann deiner Träume sowie eine alte Frau, die stirbt, wird sie nicht ins Krankenhaus gefahren. Wen nimmst du mit?
Dienstag, 1. Mai 2007
Scary
Eingestellt von Philippe Wampfler um 08:11 Tags: Pokern, Prokrastinieren, Rezension
Montag, 30. April 2007
Szene
Irgendwann Samstagabend oder Sonntagmorgens, recht spät, so scheint es, einige gähnen, andere trinken manisch Kaffee. Wenige tragen Sonnenbrillen, wenige einen Anzug, die Herren sitzen im Hemd, das aussieht, als hätten sie es ohne zu probieren auf ebay gekauft, die Damen sind entweder 60 und tragen ein Kleid mit Blümchenmuster oder jünger und tragen ein Pyjamaoberteil zu Jeans.
Wir befinden uns - an einem Pokertisch. Der einzige Professionelle, so scheint es, ist der Croupier. Souverän und schnell verteilt er Karten, stapelt Chips und zieht fast unbemerkt Rake ein, den Anteil des Casinos.
Man spielt 5/10 Limit-Poker. Nun scheinen die Anwesenden zu denken, Limit spiele man, weil das Spiel einfacher als No Limit sei - und folglich spielen sie fast jede Hand. Karten werden kommentiert, Hände überschätzt, auf Straights spekuliert. Nur nicht rechnen, scheint das Motto zu sein, auch Konzentration ist nicht wirklich ein Erfordernis. Macht man Pause, so spielt man schnell Blackjack. Doch man kennt und schätzt sich - auf dem Heimweg nach Zürich, mittlerweile ist es 3.45 Uhr, plaudert man über Arztbesuche, gibt sich Tipps, verspricht einander, nie mehr Cash-Games zu spielen, weil es dort zu viele Anfänger gebe, die immer gewännen, hadert mit dem Glück ("gewisse Leute haben einfach immer Glück", "Poker ist nur Glück") und verabschiedet sich schliesslich herzlich - in 12 Stunden sitzt man schon wieder beim Sonntagsturnier. Besser angezogen wird man wohl nicht sein, weniger müde auch nicht und ein Vermögen wird man auch nicht machen. Aber ein paar Leute teilen - nicht eine Passion, sondern eine Art Weirdness. Und das ist ja auch schon was.
Ah, dazu noch diesen Film gesehen (was man nicht alles sieht, wenn man Channel 4 empfangen kann). So Adaption-Stranger-than-Fiction-Style, aber nicht ganz so gut, dafür mit Casino-Action, Clive Owen ist ein durchaus passabler Schauspieler und dann auch noch diese generelle Lebensweisheit: hang on tightly, let go lightly. (Das lässt sich durchaus auf Geld und einen Casinobesuch anwenden.)
Eingestellt von Philippe Wampfler um 08:02 Tags: Casino, Pokern, Rezension, Sozialstudie
Montag, 23. April 2007
Mika: Life in Cartoon Motion

An dem Album ist alles unmöglich: Angefangen vom Cover über die Falsettstimmen, die Kinderchöre, die Lyrics ("sucking too hard on my lollipop"; "relax, take it easy") und die Zitate, die immer und überall vorhanden sind - und eigentlich auch der Typ selbst, seine Biographie - nichts entspricht dem, was man für möglich halten würde. Deshalb ein eigentlich recht erstaunliches Album, das ich mir unerwarteterweise schon mehrmals angehört habe - und mich immer noch ein wenig schäme (gut, wenn ich dazu heute lese, gehts eigentlich noch mit dem Schämen).
Donnerstag, 19. April 2007
Valeska
Ein Tipp: Valeska und ihre Band. Auf myspace kann man sich ein paar Songs anhören - gestern war das letzte von drei Konzerten im Fjord in Baden und man kann nur hoffen, bald mehr und öfter von Valeska zu hören. Die Frau kann singen, dichten und steht auf der Bühne, als ob sie das schon jahrelang täglich gemacht hätte. Zudem eine ganz starke Band. Schnell, schnell, ein Album!
Restaurants Teil 2
Das geht ja recht schnell, ich durchlaufe eine Periode des Vielauswärtsessens.
Gottardo, Baden
Ein klassischer "Italiener" - wobei die Mehrzahl vielleicht angebrachter wäre. Sehr viele Italienerinnnen und Italiener geben dem überblickbaren Lokal eine gewisse Betriebigkeit, die für ein gemütliches Essen manchmal stressig wirken kann. Da wird abgeräumt, serviert, Bestellung aufgenommen oder überhört, alles durcheinander, alles unkoordiniert und nicht immer ganz freundlich; dafür stets flexibel. Wenn man sich an diese Umstände gewöhnen kann, wird man kulinarisch verwöhnt: Herausragende Pizzas, selbst gemachte Teigwaren, Salate mit feinen Brötchen, auch gute und grosszügige Desserts. Wie bei einem guten Italiener kann man auch hier den offenen Hauswein zu jedem Gericht trinken.
Eingestellt von Philippe Wampfler um 09:14 Tags: Restaurants, Rezension
Mittwoch, 18. April 2007
Restaurants Teil 1
In loser Serie ein paar Restaurantempfehlungen um Erfahrungen zu verarbeiten (Börsianerwitz aus einem Weltwocheinterview: "Wer Erfahrung hat, kann an der Börse Geld machen, wer Geld hat, Erfahrungen...")
Nun gut, anstatt alle Restaurants aufzulisten, über die ich aus dem Stand was sagen kann, einfach meine frischen Erfahrungen - sowie mein Stammlokal:
Killer, Turgi
Vor allem am Mittag eine Empfehlung. Eine enorm abwechslungsreiche Mittagskarte. Spezialitäten sind erfrischend gekochte "währschafte Schweizer Küche" sowie Curries. Mein Lieblingsgericht ist Fleisch mit Taleggio überbacken, Kartoffelgratin.
Frisch beessen:
Asador Don Carlos, Stüssihofstatt, Zürich
In irgendeinem Zusammenhang mit Dieter Meier soll dieses Lokal stehen - was man zunächst für suspekt halten könnte. Es überzeugt aber durch eine gewisse Schlichtheit, eine knappe Karte, wenig Dekoration, schwarz gewandetes Servierpersonal. Die Karte stellt beim Bestellen ein Hindernis dar, so schlecht sind die Übersetzungen - eine visuelle Orientierung an den anderen Tischen empfiehlt sich. Rindsfilet und Entercôte sind grosse Fleischstücke, perfekt zubereitet und von interessanten Saucen begleitet. Die Beilagen sind gut, Bratkartoffeln und Bohnen besonders, die Pommes-Frites enorm dünn, aber fast geschmacklos. Die Spare-Ribs sind - das ist der Karte wiederum nicht zu entnehmen - süsslich mariniert (BBQ wird das auf Amerikanisch wohl heissen).
Fazit: Wird kein Favorit, aber für Fleischeslust lohnt es sich allemal.
Eingestellt von Philippe Wampfler um 14:30 Tags: Restaurants, Rezension
Freitag, 13. April 2007
Karl Emil Franzos: Pojaz
"Eine Geschichte aus dem Osten" nannte Franzos seinen Roman Pojaz. Der Held des Entwicklungsromans wird Pojaz genannt (von Bajazzo), weil er das Wesen eines Gauklers hat: Er hat die Gabe, Leute und Stimmen nachahmen zu können, und wird schnell zum Unterhalter im galizischen Dorf, in dem er lebt. Es ist geprägt von der jüdischen Sekte der Chassidim, die lebenslustig, aber stark autoritäts- und abergläubisch dargestellt wird. Die Bildung oder Entwicklung des Pojaz findet im Widerstreit seines Wesens (das er von seinem Vater, dem begabtesten "Schnorrer" Galiziens geerbt hat) und seiner Umgebung (die ihn davon abhalten will, dem Muster seines Vaters zu folgen) statt. Dieser Konflikt macht die Qualität dieses Buches aus: Er wird so geschildert, als wäre der Erzähler selbst auch ein Pojaz. Immer wieder entzieht er dem Leser Informationen, geht geschickt mit Anekdoten und Details um, die dann an einer späteren Stelle mit einer Funktion aufgeladen werden können. Zudem weiss er die Sympathien des Lesers geschickt zu steuern; sie liegen zunächst immer bei Pojaz und seinem teilweise tragischen Schicksal, folgen aber auch seinen Mitmenschen, von denen nur einige Ausnahmen nichts Rührendes aufweisen. Der Erzähler versteht es, das galizische Elend plastisch darzustellen, ohne sich in Beschreibungen zu verlieren. Er interessiert sich für alle und alles, lacht mit den Menschen und über sie, ohne aber zu verschleiern, dass die Lebensumstände der Ostjuden nichts Romantisches an sich haben.
Da der Pojaz sich zum Theater berufen fühlt und alles in seinem Leben diesem Drang unterordnet, ist der Roman auch einer Art Lektüre von Goethes Meister, allerdings weniger konstruiert, weniger bedeutungsschwanger, dafür aufgeladen mit einer gewissen Exotik und unterlegt mit so viel Humor, dass man oft laut rauslachen muss.
Der Pojaz kann bedingungslos empfohlen werden.
Montag, 5. Februar 2007
Michael Manns Filme
Güzin Kar, die mittlerweile den Status einer Cervelatprominenten beanspruchen kann, Weltwoche sei Dank, meldete sich dort kürzlich zu Manns neuestem Film Miami Vice zu Wort (Zitat siehe unten).
Die beiden Filme stehen unter dem Motto "A man's gotta do what a man's gotta do..." und zeigen, dass diese Männer auch noch Frauen haben - die, so sieht man, nicht ganz so begeistert sind, dass sich ihre Männer bis zur Sinnleere in ihre Aufgabe stürzen, irgend einen Gangster zu jagen, irgendwelche Millionen anzuhäufen - und sie ja was anderes machen würden, wenn sie nur könnten. Und letztlich sagen Sie, dass es keine Beziehung zwischen Männern und Frauen geben kann, da nur Frauen sich anpassen können und Männer keinen Schritt neben ihre Natur machen können.
Und letztlich sind diese Filme auch eine Absage an die Vorstellung, eine Tätigkeit habe eine Form und einen Inhalt, es spiele eine Rolle was man tut, nicht wie man es tut. Ob Drogendealerin oder Undercoveragent, ob Raubüberfaller (ob es dieses Nomen wirklich gibt) oder Inspektor - eigentlich tun sie alle das gleiche, fahren teure Autos, arbeiten Tag und Nacht, opfern sich, andere und ihre Ideale für das, was sie tun.
Und damit, hier liegt Frau Kar ganz richtig, zeigen Sie uns etwas aus unserem Leben - so leben wir nämlich häufig auch. Wir werden zynisch, wir lassen uns auf nichts mehr ein, wir können nicht anders - auch wenn wir keinen Ferrari fahren und keine geladene Waffe tragen.
Schauen Sie sich den Film gemeinsam mit dem Menschen Ihres Herzens an. Wenn er oder sie den Film nicht mag, rate ich Ihnen, Monsieur oder Madame galant zum Ausgang aus Ihrem Leben zu begleiten und zu verabschieden. Für immer. Er oder sie wird Sie nicht verstehen. Nie. Wenn Sie selber den Film auch nicht mögen, können Sie sich gemeinsam aus der nächsten Videothek einen Western holen und Ihr Kind Kevin taufen. Aber falls auch Sie nach dem Film das Gefühl haben, die Männer (und Frauen) etwas besser zu verstehen, muss ich Sie vorwarnen: Das Gefühl hält nur zwei Tage an. Danach ist alles wieder beim Alten. Aber zwei Tage sind mehr, als wir je zu hoffen gewagt hätten.
Güzin Kar, Weltwoche 33/06
Sonntag, 4. Februar 2007
Pursuit of Happyness
Etwas unfreiwillig diesen Film von Muccino gesehen. Ein schwarzer Vertreter verkauft recht erfolglos recht nutzlose Maschinen - worauf ihn seine Frau verlässt. Er durchläuft inzwischen eine Ausbildung als Aktienhändler und kümmert sich um seinen Sohn, mit dem er in einem Obdachlosenheim wohnt. Eine Reihe von Unglücksfällen suchen ihn heim, doch er bleibt wahnsinnig sympathisch und aufgestellt - und schafft's am Ende doch, er wird Aktienhändler und somit auch glücklich.
Was denkt man sich dabei?
1. Warum wird man als Aktienhändler besonders glücklich?
2. Wenn man zuwenig Geld hat, um sich eine Unterkunft zu leisten - wie kann man dann den Sohn in die Krippe bringen?
3. Als einziger Schwarzer in diesem Umfeld in den 80er-Jahren - erlebt man keine rassistisch motivierten Vorfälle?
4. Der American Dream erlaubt, dass man sich nicht um die Partnerin kümmert, unzuverlässig wird, die wirtschaftliche Zukunft einer Familie aufs Spiel setzt - aber nicht, dass man den Sohn bei seiner Mutter lässt?
5. Ich höre auf - man merkt wohl, was ich zu diesem Film zu sagen haben. Gemacht ist er brav, erzählt konventionell. Ich rate ab.
Dienstag, 23. Januar 2007
Déjà vu
Ich liebe ja die amerikanische Aussprache dieses Begriffs, lautlich nachzuahmen traue ich mir kaum zu - aber der neueste Film von Tony Scott (und Jerry Bruckheimer) entspricht dieser Liebe kaum.
Der Topos der Zeitreise wäre ja an sich verheissungsvoll - tiefgründige Überlegungen und Hochspannung könnten sich vereinbaren lassen. Aber wenn der Film auf der gedanklichen und wissenschaftlichen Ebene (»we just bendt space« - hä?) so unbedarft daherkommt und die Figuren psychologischen so unglaubwürdig agieren, vergehen einem auch die guten Momente (z.B. die Brille, mit der man die beim Autofahren die Vergangenheit sieht). Letztlich stellt der Film ein paar Fragen, aber kaum die richtigen, und warum jetzt diese Fähre letztlich explodieren musste, weiss kein Mensch. (Ausser, dass es manchmal eine »divine intervention« braucht...)
Dienstag, 16. Januar 2007
Ansichten eines Clowns
Bölls Gesellschaftskritik aus den 60er-Jahren wiedergelesen (oder zumindest teilweise, dtv). Es fällt auf, wie abgedroschen die Kritik an katholischer Kirche und bürgerlicher Borniertheit ist - auch wenn solche Werke gerade erst ermöglicht haben, über die Wirkung von Ideologie und zwanghafter gesellschaftlicher Anpassung zu reden.
Böll ist hier ein Meister der mise en abîme, immer wieder ist die ganze Haltung und der Weg seines Clowns im Kleinen schon enthalten, z.B. bei der Referenz auf Siegfried, mit der er sich identifiziert. Der Akt der stellvertretenden Entjungferung bezieht er auf sich und sein Verhältnis zu Marie, die eigentlich seine Frau ist, obwohl sie schon vor seiner Beziehung zu ihr mit Züpfner zusammen war.
In der Schule hatte es Spezialisten für die Frage gegeben: wie schwer es sei, ein Mädchen zur Frau zu machen, und ich hatte dauernd Gunther im Kopf, der Siegfried vorschicken musste, und dachte an das fürchterliche Nibelungengemetzel, das dieser Sache wegen entstanden war, und wie ich in der Schule, als wir die Nibelungensage durchnahmen, aufgestandne war und zu Pater Wunibald gesagt hatte: »Eigentlich war Brunhild doch Siegfrieds Frau«, und er hatte gelächelt und gesagt: »Aber verheiratet war er mit Krimhild, mein Junge«, und ich war wütend geworden und hatte behauptet, das wäre eine Auslegung, die ich als »pfäffisch« empfände, Pater Wuni-bald wurde wütend, klopfte mit dem Finger aufs Pult, berief sich auf seine Autorität und verbat sich eine »derartige Beleidigung«. (S.45)
Fazit: Ein teilweise cleveres, teilweise wenig subtiles Werk Bölls, dessen politische und soziale Bedeutung uns heute kaum noch zugänglich ist.
Hier poste ich noch eine Zusammenfassung, eine verbesserte Version dieser Fassung:
Mittelpunkt der Romans ist das Leben des Beruf-Clowns Hans Schnier. Die Hauptfigur erscheint zugleich als Ich-Erzähler. Das eigentliche verläuft innerhalb von ungefähr zwei Stunden an einem Märztag des Jahres 1962, wobei seine Erinnerungen bis in die Kindheit zurückreichen.
Der Roman ist in 25 Kapitel gegliedert, die logisch aufeinander folgen, jedoch kann man oft schwer zwischen Träumen und Realität unterscheiden:
Selbst dieser Weg [der Prostitution], mich von der Barmherzigkeit käuflicher Liebe erlösen zu lassen, war mir verschlossen: ich hatte kein Geld. Inzwischen probierte Marie in ihrem römischen Hotel ihre spanische Mantilla an, um als first lady des deutschen Katholizismus standesgemäss zu repräsentieren. Nach Bonn zurückgekehrt, würde sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit Tee trinken, lächeln [...] (S. 222f.)
Der Roman beginnt damit, daß Schnier allein, verletzt (bei einer Chaplin-Nummer gestürzt, geschwollenes Knie) und ohne Geld nach Bonn in seine Wohnung zurückkehrt und sich im Klaren ist, daß er entweder zu seinem reichen Eltern zurückkehrt und sie anbettelt oder in der Gosse landet (er wird als Clown nicht mehr gebucht). Er ist verzweifelt, da ihn seine Geliebte Marie mit der er 5 Jahre zusammenlebte und die er als seine Frau ansah, ohne sich standesamtlich und kirchlich trauen zu lassen, verlassen hat. Schnier ist nämlich der Ansicht, da_ eine echte Ehe der Legalisierung durch Staat und Kirche nicht bedürfe (im Roman differenzierte Auseinandersetzung Katholizismus – Kritik nicht an katholischem Glauben, sondern an Umgang mit ihm durch snobistische, zynische Deutsche). Aber Marie hat ihn auf Drängen ihrer katholischen Glaubensgenossen verlassen und hat Heribert Züpfer, einen führenden Mann des „Dachverbandes katholische Laien" geheiratet. Außerdem erfährt man, dass Schnier Gerüche durch das Telefon erkennen kann.
Seine Eltern existieren für ihn nicht mehr, da seine Mutter, die während des Krieges eine überzeugte Nationalsozialistin war, ihre eigenen Kinder für die Heimatfront zur Verfügung stellte, aber heute die Präsidentin des Zentralkomitees der Gesellschaft zur Versöhnung rassischer Gegensätze ist. In ihr sieht er das Paradebeispiel für Profitgier, Angebertum, Heuchelei und Verstellung. Damals kam seine Schwester Henriette um, dies hat er ihr nie verziehen.
Um noch an Geld zu kommen hat er nur noch das Telefon um Freunde und Bekannte anzurufen, die ihm aushelfen könnten. Als erstes ruft er seine Mutter an, jedoch beendet er das Gespräch abrupt, weil ihn ihre jetzige Stellung und Verlogenheit anekelt (er provoziert sie mit einer Anspielung auf seine tote Schwester). Außerdem erfuhr er, daß sich sein Schicksal herumgesprochen hat, und somit jeder über seine finanzielle Situation Bescheid weiß - auch Marie. Danach fällt er in Erinnerungen , wie er Marie kennen gelernt hat (»Ich war einundzwanzig, sie neunzehn, als ich eines Abends einfach auf ihr Zimmer ging, um mit ihr die Sachen zu tun, die Mann und Frau miteinander tun.« (S. 39)) und mit ihr die Stadt verlassen hatte, weil er Clown werden wollte.
Als zweites rief er seinen Bruder Leo an, der in einem katholischen Konvikt war, jedoch war er nicht erreichbar. Daraufhin träumt er wieder und erinnert sich, wie er sich mit Marie Kinder wünschte, jedoch ein Streit ausbrach, weil sie standesamtlich heiraten wollte und Hans Schnier ein Dokument unterzeichnen musste, daß die Kinder katholisch erzogen werden.
Daraufhin verließ Marie ihn mit der Begründung, daß sie ihren eigenen Weg gehen muß. Dies wurde ihr aber von ihren katholischen Freunden eingetrichtert.
Als nächstes ruft er zwei Mitglieder des katholischen Kreises an, Freudebeil und Kinkel. Diese waren auch hohe Mitglieder der CDU (hier auch politische Kritik von Böll). Bei Freudebeil war nur die Frau zu sprechen, mit der er sich streitet (sie kritisiert ihn und umgekehrt). Bei Kinkel, der auch ein hohes Tier im deutschen Katholizismus ist, hört er im Hintergrund viele Schimpfwörter und Beleidigungen, die das Bild einer ehrbaren Persönlichkeit zerstören. Kinkel redet Schnier Mut zu, dieser geht Kinkel an, indem er ihm vorwirft, daß Marie Ehebruch begeht, weil sie ihn verlassen hat und er droht im Zorn alle wichtigen Prälaten umzubringen, da er nichts mehr zu verlieren hat.
Nun erhält Schnier einen Anruf von einem Mitglied des katholischen Zirkels, der ihn fragt, ob er nun allen Mitgliedern die Feindschaft ansagen will. Doch dieser Anrufer Sommerfeld will Schnier Mut zureden und ihm die Sache zu erleichtern, doch als Schnier erfährt, daß seine Marie mit Züpfner schon in den Flitterwochen in Rom ist, bricht für ihn eine Welt zusammen, da er Marie verloren sieht. Darauf hat Schnier ein Zukunftsvision, in der er Marie und Heribert Züpfner in einem Haus für 12 Kinder sieht und Marie schon Nachwuchs hat.
Daraufhin besucht ihn sein reicher Vater. Er bietet ihm zunächst an, ihm eine Schauspielausbildung zu ermöglichen (1000 Mark im Monat), später – nach einer Erinnerung Hans’ an seine Trainingszeit (trainiert in einem Sälchen bei Kaplan Heinrich Behlen, seinem Freund), in der er mit Marie ohne Geld lebte – bietet der Vater an, eine Existenz zu finanzieren, doch die Offerte von 200 DM monatlich scheint Hans Schnier zu gering und er lehnt ab. Im Gegenteil er macht seinem Vater noch Vorwürfe, daß die Kindheit so kühl war und die Wärme der Eltern fehlte, die sogar am Essen gespart haben »die Erkenntnis, dass wir zuhause nie richtig zu fressen bekamen« (S. 167). Der Vater ist sehr berührt von der Abrechnung Hans’ und sucht nach einem versöhnlichen Abschluss, Hans sinniert:
Er war nicht schuldig, nur auf eine Weise dumm, die Tragik ausschloss oder vielleicht die Voraussetzung dafür war. (S. 175)
Er erinnert den Vater daran, dass er gegen das Ende des Krieges fliehende Frauen vor einem deutschen Major gerettet hat.
Er versucht wieder seinen Bruder im Konvikt anzurufen, erfuhr jedoch, dass Leo in Ungnade gefallen war und nur noch einen Dienerlohn bekam. Doch Schnier denkt nur noch an Geld. Daraufhin erinnerte er sich an die Fehlgeburt die Marie hatte und an die Nonne im Krankenhaus, die erzählte, dass das „Kind" nicht in den Himmel kommen könne, sondern in der Vorhölle schmoren muss, da es nicht getauft war. Schnier erfuhr da zum ersten Mal, was für Scheußlichkeiten die katholische Kirche im Religionsunterricht verbreite.
Daraufhin ruft er noch Monika Silv an, die aber auch unter Einfluß Sommerwilds steht und ihm nicht helfen will. Als er Simone Emonds anrief, klagte er ihr sein Leid, da sie noch nicht Bescheid war. Simone selber hatte Probleme, da ihr viertes Kind unterwegs war und sie nicht wusste wie sie und ihr Mann Karl mit dem Geld zurechtkommen würden.
(Hier spielt Böll auf die Probleme der Empfängnisverhütung an, die der Papst verbietet und somit nie Biologische Zeitbombe, also die Bevölkerungsexplosion negiert.)
Schnier gefällt sich in der Position des Heuchlers, da er nichts mehr zu verlieren hatte. Jetzt da er wirklich keine Freunde und somit Gönner hat muss er sich entweder für eine Versöhnung mit dem katholischen Zirkel entscheiden und somit vielleicht eine Versöhnung mit Marie erreichen oder auf ewig den Kontakt abbrechen. Er fällt wieder in seine Erinnerungen an seine Kindheit und erinnert sich, wie er von dem Tods seiner Schwester Henriette erfuhr, daraufhin in ihr Zimmer rannte und alles was ihn an Henriette aus dem Fenster warf und anzündete.
Zum Schluss des Romans ruft ihn noch sein Bruder Leo aus dem Konvikt an und sagte er könne sich 6.30 DM abholen. Schnier fragt noch nach Adressen und Telefonanrufe anderer Bekannten, jedoch kann ihm Leo keine Auskünfte geben. Nun ergreift Schnier seine letzte Zigarette und begibt sich mit Hut zum Bonner Hauptbahnhof und beginnt zu betteln.
Als Schnier sich mit der Maske eines Narren auf der Bahnhoftreppe niederlässt (wohin Marie von ihrer Hochzeitsreise nach Rom zurückkehren wird), sind seit seiner Ankunft in Bonn vier Stunden vergangen. In dieser Zeit büsste er nicht nur seine Hoffnung ein, dass Marie alsbald zu ihm zurückfinden würde, sondern er zog auch eine kritische Bilanz. Sie führte ihn zu der Einsicht, dass in dieser Gesellschaft nichts Sinnvolles auszurichten ist.
In „Ansichten eines Clowns" übt Böll radikale Kritik an einer Kirche, die aus Sorge um die Erhaltung ihrer Macht den von ihrem Chef erteilten Auftrag die Armen und Bedürftigen zu schützen und zu unterstützen der Anpassung an das herrschende Milieu opfert. Dieses Milieu sind ehemalige Nationalsozialisten, die sich unter Schutz und Deckung der kath. Kirche eine reine Weste und hohe Positionen im Nachkriegsdeutschland erschlichen. Eine Grundstimmung in „Die Ansichten eines Clowns", ist der Zorn Heinrich Bölls über die Kapitulation des deutschen Katholizismus vor dem Hitlerregime und die Leugnung dieser Verstrickung.
Der Clown Hans Schnier ist konfessionslos und man kann ihn auch nicht auf eine politische Richtung festlegen.
Eingestellt von Philippe Wampfler um 07:59 Tags: Böll, Nibelungen, Religion, Rezension, Zusammenfassung
Dienstag, 9. Januar 2007
Rezension "Indecision"
Habe mich ja grad über Determinismus ausgelassen - dazu passt wohl auch Kunkels Indecision. Ein urbaner New Yorker mit abgeschlossenem Philo-Studium ist unentschlossen: Er weiss weder, was er arbeiten soll, noch wo er wohnen soll und wie er eine Beziehung führen soll. Momentan arbeitet er im Tech-Support für Pfizer, wohnt in einer WG und ist mit Vaneetha zusammen, die ihn weder besonders begeistert noch besonders abstösst. Seine Familie ist ein Chaos, seine Mutter in der Midlife-Crisis, sein Vater vereinsamt zunehmend und seine Schwester in einer Art Dauerrebellion begriffen. Die ist es denn auch, die ihm in seiner Untentschlossenheit hilft und ihn überzeugt, seine Schulfreundin in Ecuador zu besuchen. Dort erlebt er dann einiges und verliebt sich schliesslich nach einigen Abenteuern noch so richtig - ohne dass das Themas Indecision vom Tisch wäre.
Ein unterhaltsames Buch, in dem angesprochen wird, was uns heute umtreibt - was bewegt einen, wenn man alles kann, wenn Geld genug da ist, das Leben ein leeres Blatt und man alle Entscheidungen von Grund auf selber treffen muss. Wogegen rebelliert man, wenn man alles darf, wofür soll man sich entscheiden, wenn alles andere vielleicht besser ist?
Doch letztlich fehlt dem Buch an Drive, die Hanldung plätschert vor allem im ersten Teil vor sich hin, die Exposition ist zu lang und die Dialoge zuweilen komisch und surreal, aber eben nur zuweilen.
