In der aktuellen Ausgabe der Monde diplomatique (gehört zu den besten Publikationen, die man im Wochenrhythmus lesen kann) wird die Geschichte von den Liegestühlen aufgerollt. Ich versuche, sie ungefähr nachzuerzählen:
Auf einem Kreuzfahrtschiff gibt es Liegestühle, welche alle Passagiere benutzen dürfen. Gleichzeitig kann aber nur ein Drittel der Passagiere drauf Platz nehmen. Anfänglich lösen sich fast alle Passagiere auf den Liegestühlen ab: Wird einer frei, benutzt ihn ein anderer.
Nachdem aber die ersten Passagiere die Erfahrung gemacht haben, dass alle Liegestühle besetzt waren, als sie sich auf einen legen wollten, kommen sie auf eine Idee: Sie könnten mit einem Badetuch den Liegestuhl reservieren. Gemeinsam passen sie jeweils darauf auf, dass niemand einen reservierten Liegestuhl einnimmt, und so ergibt sich folgende Situation: Ein Drittel der Passagiere kann während der Kreuzfahrt einen Liegestuhl benutzen, zwei Drittel können das nicht.
Die Geschichte ist leicht zu deuten: Es geht um
commons, manchmal mit Allmenden übersetzt, besser aber mit Gemeingüter. Die Frage ist, wie es kommen konnte, dass diese Gemeingüter als legitimer Besitz angeschaut werden, und der Autor in der MD argumentiert einleichtend dahingehend, dass der Anfangsvorsprung, den man sich durch den überraschenden Besitzanspruch gesichert hat, ausreich, um diesen Anspruch zu verteidigen. Man könnte, so ein Beispiel, den Liegestuhl während der Zeit, in der man ihn nicht benutzt, vermieten, und mit den Einnahmen einen Wärter zahlen, der auf den Liegestuhl aufpasst etc. - während die liegestuhllosen Passagiere keine Möglichkeit haben, Einnahmen zu generieren um allenfalls eine Organisation zur Übernahme der Liegestühle aufzubauen; also: Wenn
commons einmal von jemandem besessen werden, wird es schwierig, diesen unrechtmässigen Besitz zu beenden, da es einfacher ist, einen Besitz zu verteidigen als in den Besitz von etwas zu gelangen.
Nun gibt es in Bezug auf commons ein zweites Problem: 1968 hat Garrett Hardin in diesem
Artikel argumentiert, es gäbe eine
Tragedy of the Commons, die sich daraus ergebe, dass Allgemeingüter (z.B. Allmenden) übernutzt werden (z.B. alle lassen ihre Tiere zuerst so oft wie möglich dort grasen), so dass sie letztlich zugrunde gehen und niemand mehr etwas davon hat. Es sei besser, sie jemandem zu übergeben, so dass dann diese Person auch ein Interesse daran hat, die Allmend (die dann keine mehr ist) zu pflegen. In einem anderen Artikel in der MD wird das dahinterliegende Missverständnis aufgeklärt:
commons darf man sich nicht wie ein Schlaraffenland vorstellen, das von jemandem erstellt worden ist und kostenlos benutzt und übernutzt werden kann, sondern wie ein Picknick, zu dem alle etwas beisteuern und auch alle etwas nehmen dürfen. Idealerweise, so der Autor, müsste man Gemeingüter mit einem Preis versehen, also beispielweise der Verbrauch von Ressourcen, wobei das Geld wieder dafür eingesetzt wird, dass diese Ressourcen nachhaltig genutzt werden.
Auf unsere Liegestühle übertragen würde dies heißen, der Schiffbesitzer sollte die Liegestühle kostenpflichtig machen und sagen, wie viel eine Stunde Liegestuhlbenutzung kostet, oder noch besser: Allen Passagieren Tokens verteilen, welche zu einer Stunde Liegestuhlbenutzung berechtigen.
Nun sind natürlich die Besitzverhältnisse heute schon gegeben. Fast alles, was Menschen besitzen können, besitzt jemand, und die Frage, er ihm Besitz wegnehmen darf/soll/kann ist nicht ganz einfach zu beurteilen. Diese ganze Argumentation hat, anders, als man meinen könnte, nicht mit Neid zu tun: Sondern mit der Frage, ob man z.B. Grundstücke, Nahrungsmittel, natürliche Ressourcen (Erdöl etc.) überhaupt besitzen kann oder in einem gewissen Ausmass besitzen kann (Ausmass: mehr als man jemals im Leben verbrauchen kann). Die Antwort ist natürlich nein, denn selbst wenn ich Geld »verdient« habe, kaufe ich das Grundstück von jemandem, der es von jemandem gekauft hat … der es von jemandem gekauft hat, der es einfach in seinen Besitz gebracht hat, weil es vorher niemandem gehört hat.
Diese Frage ist eine alte, aber sie ist nicht damit gelöst, zu sagen, der Kommunismus habe versagt und offenbar wollten die Leute Grundstücke besitzen. Gelöst wäre sie damit, wenn man alle Leute enteignen würde, ihnen die Grundstücke, die sie besessen haben, 10 Jahre gratis zur Pacht überlässt und nach 10 Jahren anfängt, einen Pachtpreis zu verlangen, wobei die Pachtverträge so langfristig abgeschlossen werden, dass eine Nutzung des Grundstücks und eine Investition ins Grundstück möglich und sinnvoll ist. Was man mit dem Geld anfangen könnte, dürfte sich alle selbst überlegen.