Eine Woche Berlin - und wohin man geht, Leute mit Namensschildern, auf denen in jeder erdenklichen Sprache der Welt »wacht beständig« steht. Nun ist Wachsamkeit eine Tugend, die einige meiner Freunde für sich beanspruchen: Und doch war mir zunächst unklar, warum all diese Leute beständig wachen sollten und dies auch noch mit Namensschild.
Als mein iPhone dann auch in Berlin Daten empfangen konnte (orange hat mich zunächst davor bewahrt, auch im Ausland Verbindungen herstellen zu können), gab mir Google Aufschluss: Die Zeugen Jehovas haben oder hatten sich die grössten Stadien in Deutschland gemietet, um an einem Kongress zu tun, was Zeugen Jehovas tun.
Und wenn Google schon einmal dabei war, mir die Welt zu erklären, konnte ich auch gleich nachlesen, was die denn so tun, diese Zeugen, und warum die beständig wachen müssen (zumal ich ja offenbar zu 13% dasselbe glaube wie Zeugen Jehovas). Während man aufgrund der missonarischen Tätigkeit dieser Leute denken könnte, es handle sich um eine klassische Sekte, scheinen die Leute andererseits mit allgemeinen Vorurteilen konfrontiert zu sein, welche ihnen das Leben schwerer machen als nötig, zumindest in Deutschland, wo es offenbar recht viele von ihnen gibt.
Die Zeugen Jehovas - so viel lässt sich wohl objektiv sagen - haben das gleiche Problem wie eine Menge religiöser Gruppierungen: Sie lesen die Bibel nicht als ein historisches und ein literarisches Werk, sondern leiten aus kryptischen Passagen Gebote oder Wirklichkeitsbeschreibungen ab, welche absolute Gültigkeit beanspruchen. Problematisch sind inbesondere drei davon:
- dass Bluttransfusionen gegen ein Gebot Gotts verstossen (nämlich das hier, Gen. 9, 4)
- dass Mission ein Auftrag für gläubige Christen sei
- dass mit dem Harmagedon der Weltuntergang nahe sei (bzw. das jüngste Gericht) und dann genau 144'000 Menschen gerettet werden (problematisch ist das, weil die Zeugen Jehovas diesen Weltuntergang schon mehrmals prophezeit haben, was aus PR-technischen Gründen immer mit Schwierigkeiten verbunden ist). An dieser Theorie ist interessant, dass diese von Gott Auserwählten, die dann später auch Regierungsfunktionen übernehmen müssen oder dürfen, offenbar national verteilt sind, denn in Kanada, so der Schluss dieses FAZ-Artikels, gebe es noch recht viel Platz. Natürlich können nur Zeugen Jehovas gerettet werden. Jährlich werden aber offenbar ca. 290'000 neue Zeugen getauft, weltweit gibt es rund 50 mal mehr gläubige Zeugen Jehovas, als gerettet werden können. Als Gott die Bibel geschrieben hat, hat er wohl einfach irgendwie nicht an Bevölkerungswachstum gedacht.