Donnerstag, 30. Juli 2009

Unterwegs - Perlen der Werbung

Werbung - so vielleicht ein etwas verkürzter Gedankengang - ist entweder Produktinformation, also eine Dienstleistung für den Konsumenten, oder aber Ausdruck eines Bestrebens, den Konsumenten dazu zu bewegen, ein Produkt zu kaufen, das er zu diesem Preis nicht gekauft hätte, wenn es Werbung nicht gäbe - also Information oder Manipulation. Heute sind mir drei Formen von Werbung begegnet, die doch sehr verlockend aussehen:
Diese großartige Show gibt es bald im Hallenstadion. Dazu ein Pressetext:

Ben Hur übersteht die Galeerenstrafe nur durch seinen Wunsch nach Rache und der Liebe zu der schönen Esther. Im legendären Wagenrennen besiegt er seinen Widersacher und früheren Freund, den Römer Messala. Die Begegnung mit Jesus überzeugt Ben Hur schliesslich von der christlichen Friedensbotschaft, und er wendet sich von seinen gewaltsamen Racheplänen ab.
Die Show zeigt nun die Rache Ben Hurs exzessiv, um dann am Schluss die Liebesbotschaft Jesu zu verkünden (zumindest besagt das das Werbeplakat). Wäre diese Botschaft angekommen, gäbe es wohl wenige Leute, die sich an der Darstellung von Gladiatorenkämpfen aufgeilen würden. Aber gut: Die Botschaft wurde ja vor 2000 Jahren verkündet, vielleicht gut, dass das jemand noch einmal tut.
Aldi und Lidl zwingen ja ihre Produzenten und Mitarbeitenden immer wieder, neben ihrer eintönigen Arbeit zu miesen Bedingungen auch noch so zu tun, als fänden sie den Betrieb eine Lebensbereicherung und seien ganz glücklich, dort zu arbeiten. Den Konsumenten wird gleichzeitig suggeriert, es sei eine Art Errungenschaft, dass es nun 100 Filialen von Aldi in der Schweiz gebe. Auf einem dieser Plakate hat es eine Mitarbeiterin geschafft, sich der Allmacht ihres Arbeitgebers zu verweigern: Geschickt duckt sich die Dame hinter dem nett winkenden Herrn.
»Das Rätsel gibt es nicht…«, schrieb Wittgenstein. Und offenbar hatte er Unrecht: Es gibt es doch. Nun gut, wir sehen einen sympathischen Herrn, nicht ohne Geschick in der Küche, er verwendet Balsamico für die Salatsauce, koch Rahmschnitzel mit Schweizer Rahm und verwendet sogar einiges Gemüse, wenn auch Mayonnaise, aber immerhin, er kocht, und probiert, während er kaum wahrnehmbar in die Kamera blickt. Ihm ist ein Fehler unterlaufen: Er hat Zucker und Salz verwechselt. Das die Information aus dem Titel. Und nun die Frage, welchen Schluss müssen wir als aufmerksame BetrachterInnen dieses Plakats ziehen? Klar - dieser Mann geht, weil er schon Salz und Zucker verwechselt hat, auch noch gleich Blutspenden. Oder: Irgendwie hat er ein Problem, welches ihn daran hindert, Salz und Zucker zu unterscheiden, aber das Problem hindert ihn nicht daran (»doch«), Blut zu spenden. Oder übersehe ich etwas?
(On a more serious note: Blutspenden wäre wirklich gut, es fehlt an Konserven und mit solchen Kampagnen kann das Problem wohl nicht gelöst werden. Auch nicht damit, dass man Schwule daran hindert, Blut zu spenden.)

Dienstag, 28. Juli 2009

Taxifahren - Oder die grosse Metapher unserer Zeit

Die wirklichkeitsgenerierende Bedeutung von Metaphern ist hinreichen bekannt; neuestes Beispiel: Die Schweinegrippe. Während schon nur der Name suggeriert, es handle sich um etwas Schweinisches, um ein so üble Krankheit, dass sie nur von Schweinen kommen könne oder einem zum Schwein werden lasse - so ist das nichts im Vergleich zu den jüdischen und muslimischen Opfern der Krankheit, die tunlichst den Schweinekontakt meiden und nun trotzdem diese Krankheit bekommen haben. Also besser »mexican flu«, was nun wieder die Mexikaner nicht mögen. (Dabei müsste die Grippe Citroën-Grippe heißen.) Davon abgesehen: Es handelt sich um eine stinknormale Grippe. Bitte lockerbleiben.
Die zentrale Metapher unserer Zeit ist das Taxifahren. Nicht unbedingt, ein Taxi zu besteigen, was ich, seit ich kein Auto mehr habe, ab und zu mache (subjektive Logik: So viel, wie ich für Bussen ausgegeben habe, darf ich in Taxifahrten investieren) und dabei die grausigen Zustände in den Taxis Zürichs kennen gelernt habe: Orts- und landesspracheunkundige Fahrer, welche nicht nicht freundlich, sondern dezidiert unfreundlich sind, während der Fahrt, die notabene mit 85 über unübersichtliche Strassen führt, auf ihrem iPhone spielen und ein Gefährt fahren, das aussieht, als sei es einem polnischen Autodieb in Mazedonien entwendet worden, wo es seit drei Jahren von Hühnern bewohnt worden ist. Aber eben: Ums Mitfahren geht es nicht, sondern ums Selberfahren.
Das haben nämlich eine Autorin und ein Autor getan, und diese Erfahrungen in ihren teilweise autobiographischen Büchern verarbeitet.
Bei beiden steht der Lebensabschnitt Taxifahren für eine Periode der Desorientierung: Man wird zwar - lausig - bezahlt, scheint sich auszukennen in der Großstadt Wien (Glavinic) bzw. Hamburg (Duve), fährt aber genau dort hin, wo die grösstenteils degenerierten Fahrgäste hinwollen. Und die Protagonisten warten, dass irgendwann etwas passiert, und das geschieht dann auch, und dann fahren sie nicht mehr Taxi: Doch dass sie von A nach B führen oder B ihr Ziel ist oder es überhaupt ein Ziel gibt, bei dem, was sie danach tun, da kann man nicht sicher sein. Glavinics an Wie man leben soll (der bessere der beiden Romane) irgendwie anschließender Roman, Das bin doch ich, lässt erahnen, dass auch eine Schriftellerexistenz einen nicht von den Problemen befreien kann, welche einen in die Taxifahrerexistenz geführt haben. Und daran schließt dann die These an, dass wir, diese Generation (Krisenkinder), alle irgendwie Taxifahrende sind.
Und Taxifahren als exemplarisches Beispiel zeigt ein weiteres Problem sehr schön auf: Das Problem des Kapitalismus und seiner Ausgangslage. Dass Menschen keine homo oeconimicus (Pl.; natürlich kann ich sowohl homo als auch oeconomicus lateinisch deklinieren, finde das aber etwas angeberisch, zudem ist das ja ein Modell, es muss also nur einen geben, nicht mehrere) sind, ist hinlänglich bekannt, dass aber auch der freie Markt nicht dazu führt, dass man ein Produkt zu dem Preis anbieten kann, den man gerne hätte, und dann vielleicht einen Kunden findet, der bereit ist, diesen Preis zu zahlen - und zwar ganz einfach deshalb, weil der Markt nicht ein Markt ist, wo Zitronen feilgeboten werden, sondern ein Teil eines komplexen Wirtschaftssystems.
Auf der einen Seite gäbe es wohl Kunden, die zu gewissen Zeiten für einen gewissen Taxiservice viel mehr zahlen würden, als die Taxis kosten - auf der anderen Seite verdienen Taxifahrer offenbar miserabel und schreien nach noch mehr staatlicher Reglementierung des Taxibetriebs (Vergabe von weniger Lizenzen). Grundsätzlich müsste man davon ausgehen, dass der Markt sich selber reguliert und teurere Taxis vielleicht mehr Leistung bringen, günstigere weniger - aber tatsächlich kostet eine Taxifahrt, egal von welchem Anbieter, gleich viel. Eine Tendenz, die sich in vielen Bereichen unsere Wirtschaftssystems zeigt: Handytarife, Medikamentenpreise und viele weitere Produkte funktionieren nach anderen Gesetzmässigkeiten, als man es erwarten würde.

Samstag, 25. Juli 2009

Täter - Opfer: revisited (Mein Lieblingsargument)

Im Magazin findet sich heute ein Artikel, der mit einer Frage überschreiben ist: Wird er es wieder tun? Der exzellente Artikel von Mathias Ninck befasst sich mit einem verwahrten Vergewaltiger, der nach Ansicht aller Experten 20 Jahre nach seiner letzten Tat keine Gefahr für seine Mitmenschen darstellt - und gleichwohl weiterhin verwahrt bleibt, obwohl es dafür keine Grundlage gibt. Die Grundlage von Verwahrungen, welche keine Strafe darstellen, ist die potentielle Gefährdung, welche von einem Menschen ausgeht, der »nicht-therapierbar« ist.
Nun wird den LeserInnen dieser Seite bekannt sein, dass ich folgende Punkte beängstigend finde:

  • der Diskurs über juristische Themen wird in der Schweiz von Laien geführt
  • Prinzipen der Rechtstaatlichkeit und des fairen, gerechten juristischen Vorgehens werden von diesen Laien missachtet
  • die Solidarität mit so genannten Tätern wird aufgekündigt, Strafen können nicht hart genug sein
  • Urteile und Expertisen, welche wissenschaftlich fundiert und alle Aspekte eines Falles einbeziehen, werden vor dem Hintergrund der »Taten« als zu milde abgetan.
Dabei ist völlig rätselhaft, warum Juristen, Richter und Psychiater Täter schonen sollten, ihnen zu kürzeren Strafen verhelfen oder sie nicht verwahrt sehen wollen - aber das ist wohl ein Bestandteil einer Verschwörungstheorie gegen den juristischen Apparat.
Mit grosser Regelmässigkeit (so auch in den Kommentaren zu diesem Artikel) wird jedoch ein vermeintliches Totschlagargument verwendet: Wer auf Fairness gegenüber Tätern besteht, dem wird unterstellt, er würde seine Meinung sofort ändern, wenn er entweder ein Opfer einer Gewalttat würde oder aber wenn ihm nahe stehende Menschen Opfer von Gewalttaten würden. Dieses Argument ist weder geschickt noch perfide: Es ist dumm. Ganz generell beurteilen Menschen Sachverhalte, indem sie sich vorstellen, daran beteiligt zu sein. Das Problem dabei ist, dass wir uns leichter vorstellen können, ein Opfer einer Gewalttat zu werden, als der Täter einer Gewalttat zu sein - was aber nicht heißt, dass wir uns nicht auch vorstellen könnten, wie es ist, 20 Jahre eingesperrt zu sein und grundlos weiterhin eingesperrt zu werden, um dann zu merken: Wenn wir eine gefahrenlose Gesellschaft wollten, müssten wir einfach alle Menschen einsperren… Ein weiterer Grund, warum das Argument völlig haltlos ist, ist die Natur unseres Rechtssystems: Wenn es nämlich immer diese Massnahme anordnen würde, welche Opfern und Freunden von Opfern als die angezeigte erscheint, dann bräuchten wir es gar nicht mehr: Weil dann Rache das ökonomischere und effizientere Prinzip wäre.
Es handelt sich bei diesen Überlegungen nicht um Spitzfindigkeiten: Eine Gesellschaft, welche 200 Menschen präventiv einsperrt, ohne dass diese für etwas verurteilt worden wären, und dies nicht Grund zur Beunruhigung findet: Die hat grössere Probleme als die Schweinegrippe.

Donnerstag, 23. Juli 2009

Wanted

Dieser sympathische Wirt lässt auf seiner Homepage verlauten, zwei Gäste hätten bei ihm einen halben Liter Wein getrunken und dann die Rechnung nur partiell bezahlt, während er auf die Kantonspolizei gewartet habe. Freundlicherweise hätten andere Gäste Bilder von diesen beiden mutmasslichen Zechprellern gemacht, welche er dann auf seiner Homepage veröffentlichte. Das die Ausganglage.
Als nächstes berichtet die versammelte Boulevardpresse der Schweiz über diesen Fall, z.B. so. Dass der Effekt des »Internetsprangers« nur durch diesen zweiten Schritt entstanden ist, dass also Personen, an denen kein öffentliches Interesse besteht, in einem nationalen Medium eine Straftat unterstellt wird, dürfte im Hause Ringier niemandem auffallen, da Medienethik da als ein Relikt aus dem 20. Jahrhundert angesehen wird, das damals schon mehr Umstände bereitet hat, als Leserzahlen generiert.
Als dritter Punkt sieht sich der arme Wirt mit einer Welle der Entrüstung konfrontiert, auf die er reagieren muss. Seine Reaktion bezieht sich nicht auf seinen Umgang mit dem Datenschutz, dazu meint er:

«Ob ich da eine Bestimmung verletzt habe, ist mir egal – reklamieren können ja nur die beiden. Dann weiss ich wenigstens, an wen ich die Rechnung schicken kann!»
Sondern er reagiert eloquent auf den Vorwurf, der Wein könnte etwas überteuert sein. Sein Wein kostet nämlich im Offenausschank 52.50 Fr. für 5 dl (im Einkauf wohl rund 15 Fr. pro 7dl Flasche, wie eine kurze Google-Recherche offenbart, mit der ich niemanden langweilen möchte). Fazit: Datenschutz, grundsätzliche rechtliche Überlegungen - all das kann einem egal sein, so lange niemand denkt, man verkaufe überteuerten Wein.
Und wie problematisch das Ganze wirklich ist, vielleicht noch einmal ganz abstrakt: Ich darf also ein Bild von zwei Personen im Internet und in Massenmedien veröffentlichen und ihnen eine Straftat unterstellen, die auf dem Bild nicht erkennbar ist - und denjenigen, die mir die Identität dieser Personen offenlegen können, eine Belohnung in Aussicht stellen.

Mittwoch, 22. Juli 2009

Wacht beständig!

Eine Woche Berlin - und wohin man geht, Leute mit Namensschildern, auf denen in jeder erdenklichen Sprache der Welt »wacht beständig« steht. Nun ist Wachsamkeit eine Tugend, die einige meiner Freunde für sich beanspruchen: Und doch war mir zunächst unklar, warum all diese Leute beständig wachen sollten und dies auch noch mit Namensschild.
Als mein iPhone dann auch in Berlin Daten empfangen konnte (orange hat mich zunächst davor bewahrt, auch im Ausland Verbindungen herstellen zu können), gab mir Google Aufschluss: Die Zeugen Jehovas haben oder hatten sich die grössten Stadien in Deutschland gemietet, um an einem Kongress zu tun, was Zeugen Jehovas tun.
Und wenn Google schon einmal dabei war, mir die Welt zu erklären, konnte ich auch gleich nachlesen, was die denn so tun, diese Zeugen, und warum die beständig wachen müssen (zumal ich ja offenbar zu 13% dasselbe glaube wie Zeugen Jehovas). Während man aufgrund der missonarischen Tätigkeit dieser Leute denken könnte, es handle sich um eine klassische Sekte, scheinen die Leute andererseits mit allgemeinen Vorurteilen konfrontiert zu sein, welche ihnen das Leben schwerer machen als nötig, zumindest in Deutschland, wo es offenbar recht viele von ihnen gibt.
Die Zeugen Jehovas - so viel lässt sich wohl objektiv sagen - haben das gleiche Problem wie eine Menge religiöser Gruppierungen: Sie lesen die Bibel nicht als ein historisches und ein literarisches Werk, sondern leiten aus kryptischen Passagen Gebote oder Wirklichkeitsbeschreibungen ab, welche absolute Gültigkeit beanspruchen. Problematisch sind inbesondere drei davon:

  • dass Bluttransfusionen gegen ein Gebot Gotts verstossen (nämlich das hier, Gen. 9, 4)
  • dass Mission ein Auftrag für gläubige Christen sei
  • dass mit dem Harmagedon der Weltuntergang nahe sei (bzw. das jüngste Gericht) und dann genau 144'000 Menschen gerettet werden (problematisch ist das, weil die Zeugen Jehovas diesen Weltuntergang schon mehrmals prophezeit haben, was aus PR-technischen Gründen immer mit Schwierigkeiten verbunden ist). An dieser Theorie ist interessant, dass diese von Gott Auserwählten, die dann später auch Regierungsfunktionen übernehmen müssen oder dürfen, offenbar national verteilt sind, denn in Kanada, so der Schluss dieses FAZ-Artikels, gebe es noch recht viel Platz. Natürlich können nur Zeugen Jehovas gerettet werden. Jährlich werden aber offenbar ca. 290'000 neue Zeugen getauft, weltweit gibt es rund 50 mal mehr gläubige Zeugen Jehovas, als gerettet werden können. Als Gott die Bibel geschrieben hat, hat er wohl einfach irgendwie nicht an Bevölkerungswachstum gedacht.

Montag, 20. Juli 2009

Strategien


Fast so hat es ausgesehen, mein letztes Fahrrad (der Rahmen war schwarz, nicht grün). Ans Herz gewachsen ist es anders als seine drei Vorgänger nicht, denn es war hässlich, rostig und lief nie wirklich toll. Sein einziger Vorzug war sein Preis, der war günstig oder eher billig.
Nun wollte ich am Donnerstagabend mit dem Fahrrad eine Fahrt unternehmen, wie das so gedacht ist. Allerdings hatte ich es vielleicht ein halbes Jahr nicht gebraucht, war also nicht erstaunt, als ich es im Keller, wo ungefähr 30 Fahrräder stehen, suchen musste. Die Suche konnte aber nicht abgeschlossen werden - weil sich das Fahrrad nicht mehr auffinden ließ. Keine wirklich neue Erfahrung: Seine drei Vorgängen kamen am Bahnhof Wettingen ebenfalls als Teil eines Rudels von Fahrrädern abhanden. Dieses Exemplar nun im eigenen Keller.
Zumindest bin ich mir total sicher. Die Frage, ob das Fahrrad allenfalls gar nie im Keller gestanden habe und z.B. immer noch am Bahnhof angebunden sei, vor dem Haus gestohlen worden sei oder allenfalls einfach irgendwo stehen gelassen worden sei, wurde zwar schon aufgeworfen, muss aber kategorisch verneint werden. Nicht, weil ich nach einem halben Jahr Fahrradlosigkeit mir dessen völlig sicher wäre, sondern weil ich mir nicht den Anschein geben will, mich in solchen Fragen verunsichern zu lassen. Es. War. Im. Keller. Und. Ist. Jetzt. Gestohlen. Worden. Nun kaufe ich mir ein Fahrrad, zu dem ich ein Verhältnis gegenseitigen Vertrauens und Respekts aufbauen kann, dann werde ich auch immer wissen, wo es ist (und es weiß, wo ich bin).
Das ist die eine Strategie. Die andere Strategie betrifft die Frage, was ich mache, wenn ich jemanden sehe, der oder die mein Fahrrad fährt. Leute, die ich kenne, sollen schon am 1. Mai am Helvetiaplatz ihr Fahrrad erkannt, seine Fahrerin zur Rede gestellt haben und dann durch den sich entwickelnden Tumult nicht mehr in der Lage gewesen sein, die richtigen rhetorischen Mittel einzusetzen, um wieder in den Besitz ihres Eigentums zu gelangen (nebenbei habe ich hier noch zwei juristische Fachtermini eingefügt). In Glavinics Roman Das bin doch ich (über den ich noch einen eigenen Post verfassen werde), taucht eine Frau auf, die bezüglich eines Mobiltelefons sagt:

Entschuldigen Sie, wo haben Sie Ihr Handy gekauft, das da liegt? Ich will Sie ja nicht verdächtigen, aber mir wurde vorige Woche eines gestohlen, und das war genau so eines.
Nun, so geht es natürlich nicht. Vorausgesetzt, ich erkenne mein Fahrrad, wogegen fast alles spricht, würde ich wohl Handlungen sprechen lassen. Es nehmen und vielleicht beiläufig murmeln: »Ich stell das dann mal wieder in meinen Keller.«
Wobei daran dann die Frage anschließt, die mich auch umtreibt: Was würde passieren, wenn ich mit zwei Kollegen auf dem Heimweg wäre und zwei Jugendliche uns mit Kopfnüssen dazu bewegen wollen, ihnen unser Geld zu geben. Könnte ich mich, wie ich mir das ausmale, zur Wehr setzen, ihnen ein paar Kopfnüsse verabreichen und sie verbal so zurechtweisen, dass sie fortan am Samstagabend kaum noch wagen werden, Wetten, dass zu sehen - oder läge ich bald schutzlos am Boden, fürchtend, die Investition meiner Eltern in meine Zahnkorrektur habe sich wohl nicht gerechnet?

Montag, 29. Juni 2009

Gibt es Alternativen?

Darin liegt das historisch Unerhörte des Kapitalismus, daß Religion nicht mehr Reform des Seins sondern dessen Zertrümmerung ist. [Walter Benjamin, Quelle (pdf)]
Die Frage, ob es Alternativen zum Kapitalismus gebe, wird derzeit breit diskutiert und ebenso breit negiert. Nur weil sich historisch keine Alternativen haben durchsetzen können, heißt das aber nicht, dass sich solche nicht finden ließen. Zunächst kann man sich fragen, aufgrund welcher Kriterien sich ein Wirtschaftssystem durchsetzen kann. Dazu nur ein Gedanke: In kapitalistischen Systemen entscheiden Menschen oft so, als wären sie potentiell reich. Sie lassen sich auf einen »capitalist dream« ein, der zwar jedem und jeder die Möglichkeit gibt, reich zu werden - und dabei außer acht lässt, dass dieser Reichtum mit der Armut anderer Menschen erkauft wird. Würde man sich an den Ärmsten orientieren - wie das Gerechtigkeitstheoretiker vorschlagen -, hätte sich der Kapitalismus wohl kaum durchgesetzt.
So kommt es auch, dass die lösbaren Probleme des Kapitalismus nicht gelöst werden können. Man könnte nun Kapitalismus durch eine Reihe von Gesetzen beschränken, z.B. die Löhne von Managern beschneiden etc. Solche Vorschläge scheinen dem Prinzip des Kapitalismus zu widersprechen, wonach Preise rational sind: Wenn es jemanden gibt, der für die Leistung dieses Managers so viel zahlen will, dann darf er das m.E.
Probleme gibt es grundsätzlich vier:
  1. Kapitalistische Ordnungen sind dann fair, wenn sie überschaubare Systeme betreffen. Ein Austausch von Waren und Geldern über Kulturen (und Systeme) hinweg muss zu Paradoxien und Ungerechtigkeiten führen. Und sei es nur, dass der Kapitalgeber Leute ausnutzen kann, ohne von ihnen damit konfrontiert zu weden, ohne überhaupt ein Gesicht zu haben. Wer ist denn letztlich dafür verantwortlich, dass in China Wanderarbeiter eigentliche Sklavenarbeit verrichten müssen? Niemand, natürlich. Oder: Wir alle, weil diese Leute in eine System eingebunden sind, aus dem wir unsere Kleider und Gadgets beziehen.
  2. Gewisse Dinge können niemandem gehören, weil es niemanden gibt, der sie verkaufen könnte, sie sind Allgemeingut. Dazu gehört das Land und alle Ressourcen. Sinnvoll wäre es, Pachtpreise für Land zu bezahlen, welche der Allgemeinheit zukommen.
  3. Geld muss zirkulieren. Es darf keine Anreize geben, Geld dem Fluss zu entziehen. Hier könnten wohl volkswirtschaftliche Korrekturen vorgenommen werden, die ich im Detail nicht verstehe. Grundsätzlich scheint das System immer dann gut zu funktionieren, wenn verschiedene echte Bedürfnisse durch den Markt gegeneinander abgewogen werden müssen. Das Bedürfnis, aus viel Geld mehr Geld zu machen, sollte aber dazu nicht gehören - und es wird eben nur durch die Leute gestützt, die sich denken, dass sie auch einmal erben werden, dass sie auch einmal mit einer krassen Steuerprogression konfrontiert sind.
  4. Es darf nichts gratis geben. Wenn etwas gratis ist, heißt das, dass die Allgemeinheit für die Kosten aufkommt. Das Schwarzfahrerproblem ist in zu vielen Bereichen vorhanden.
Die Diskussion solcher Probleme ist nicht neu und eigentlich auch krisenunabhängig. Fazit wäre: Die Freiheit des kapitalistischen Systems lässt sich vereinbaren mit einem besseren System, wenn seine Grösse beschränkt, sein Geldfluss gesichert, Besitz von Allgemeingut verunmöglicht und sämtliche Kosten erfasst werden.

Montag, 22. Juni 2009

Verdachtsmomente

Wenn man oft Zug und Bus fährt, mustert man seine Zeitgenossen. Und man entwickelt ein Zeichensystem, aus dem darauf schließt, ob man neben dieser Person pendeln, eine Mahlzeit einnehmen oder die Zeitung lesen möchte - wenn man denn die Wahl hat. Einige dieser Indikatoren seien hier preisgegeben:

  1. Übermässiges Parfum. Junge Frauen, die sich eben in Kokosbutter vom Body Shop oder in Blütenzauber von L'Occitane en Provence gebadet haben, ihren Duft mit 15 schnellen Sprühdosen »Oops I did it again« von Britney aufgefrischt oder allenfalls grad daran sind, sich in der S-Bahn neu zu schminken, sind verdächtig. Ebenso aufdringlich parfümierte Männer, aber die gibt es eher selten.
  2. Bierdosen. Es gibt Leute, die trinken in der S-Bahn morgens um halb sieben ein grosses Feldschlösschen. Aber die Aussage gilt fast allgemein: Eine grosse Dose Prix-Garantie-Bier ist ein guter Indikator, ausser man fährt mit dem Bus an ein Open Air oder um halb zehn abends an die Langstrasse, weil man da keinen Platz finden würde, wenn man diese Regel beherzigte.
  3. Kleider mit Aufdruck oder Tatoos drauf, Don Ed Hardy insbesondere. Ein deutliches Zeichen, dass man bald ein Handygespräch mitverfolgen darf, das man nicht geniessen, dem man sich aber auch nicht entziehen kann.
  4. Handy, aus deren Lautsprecher irgendwas scherbelt. Wer Musik hört, welche man auch aus einem Handylautsprecher hören möchte, hört Musik, die ich sicher nicht hören möchte. Problem: Hier muss man nicht nur ein Abteil weiter gehen, sondern gleich den Waggon wechseln.
  5. Mitgeführte Haustiere. Seien es Hunde, welche in Taschen gepackt sind, Hunde, welche unter dem Sitz schlafen oder Hunde, die einem in den Schoß geifern - ein Problem bahnt sich an. Das gleiche gilt aber auch für Tiere, für die ich Wohlwollen aufbringen kann.
  6. Pulver auf dem Tischchen, das mit einer Coop-Superkarte bearbeitet wird. Ein gutes Zeichen, das man bei der nächsten Dopingkontrolle auffliegen könnte, auch wenn man Martina Hingis ist.
  7. Kinder, die Mützen tragen, welche zu farbig sind. Ein Zeichen dafür, dass sie sich auf einem Schulausflug befinden und aus sozialen Gründen bald Dinge tun werden, welche ihre Begleitpersonen vor erzieherische Herausforderungen stellen.
Sobald ich diesen Post veröffentliche, werden mir noch weitere Zeichen in den Sinn kommen - vielleicht sind mir aber auch sonst einige entgangen…

(Ah ja, sitze möchte ich neben der Dame im Deux-Pièce oder dem Herrn im Anzug, die allenfalls einen Becher Espresso mit sich führen, auf ihrem Laptop klimpern und allenfalls die NZZ lesen. Auch wenn ich nicht so formal gekleidet bin - irgendwie würde ich gerne neben mir sitzen, auch wenn ich meistens drei Plätze beanspruche und nicht möchte, dass sich jemand neben mich setzt…)

Montag, 15. Juni 2009

Gottes geniale Idee

Ein »Bündnis Christliche Schweiz« macht mit einer Plakatkampagne auf sich aufmerksam: Abgesehen von der Frage, ob Gott Ideen habe, ob einzelne davon das Prädikat »genial« verdienen und ob die Familie eine Idee Gottes sei, kann man sich fragen, woher eine Organisation die Motivation und die finanziellen Ressourcen bezieht, um solche Plakate aufhängen zu lassen.
Ein Blick auf die Homepage des »Bündnisses« macht alles klar: Hier haben sich radikal-konservative Organisationen zusammengeschlossen, um Homophobie, Nationalismus und familienfeindlicher Politik einen harmlosen Anstrich zu geben.
So fröhlich die abgebildete Familie aussehen mag, so wenig Grund hat sie nämlich dazu: Der Vater darf zwar die ganze Familie ernähren, auch wenn er einen Beruf hat, in dem die Bezahlung dazu nicht ausreicht. Die Mutter arbeitet nur in der Familie, weil ein Krippenplatz grundsätzlich nicht infrage kommt, da Krippen und Horte die Familie auf eine obskure Art und Weise zu bedrohen scheinen. Die Tochter bekommt bei einer ungewollten Schwangerschaft während ihres Studiums ein Problem, weil eine Abtreibung in dieser Familie undenkbar ist, während der Sohn bei seinem coming-out in eine Therapie muss, da Homosexualität nichts anderes als eine Krankheit ist, was sich nach der Logik der beteiligten Organisation daran ablesen lässt, dass Homosexuelle sich öfter umbringen als Heterosexuelle. Eine Ehekrise darf es nicht geben, denn diese Beziehung muss gemäss Gottes genialer Idee ewig halten. Zu guter Letzt ist diese Familie äußerst stolz darauf, Schweizer zu sein, denn die Schweiz ist von Gott mit Frieden und Reichtum beschenkt worden, wahrscheinlich, weil schon im Bundesbrief Gott erwähnt worden ist.
Andere Familien sind - besser könnte man es nicht formulieren - Pseudofamilien. In diesem Sinne hoffen wir, dass Gott noch weitere geniale Ideen gehabt habt, welche Anlass zu Plakatkampagnen geben.

Montag, 8. Juni 2009

Münz

Nicht nur trage ich ständig mehr Münz in meinen Taschen, als akkustisch und physikalisch angenehm wäre, sondern mir gefällt irgendwie auch das Wort Münz, das ich so noch in keiner anderen Sprache angetroffen habe.
Ich mag aber auch andere Dinge, z.B. Glacé (auch ein Wort, das durch Eis irgendwie nicht adäquat wiedergegeben werden kann). Neuerdings (d.h. wohl seit ca. fünf Jahren, so kurz werden fünf Jahre, wenn man selber alt wird), neuerdings werden also solche Glacés an Kiosken (noch so ein Wort) eingescant und weil parallel Leute noch Lebensversicherungen abschliessen und Reisen buchen können an Kiosken, kann das Einkaufen von einem Glacé länger dauern, als die Wartezeit auf den Zug zuliesse. Deshalb habe ich kaum die Musse, auf das Wechselgeld zu warten, das ich erhalte, und renne weg. Dieses Wechselgeld ist wirklich unnötig: Warum kostet meine Glacé nicht 3 Franken oder 2 Franken, sondern 2.90 oder 1.90? Trivialpsychologisch mag das wohl ein Kaufanreiz sein, der sich aber wohl mittlerweile etwas abgenutzt hat.
Deshalb: Schaffen wir doch Münz ab. Es gibt Länder (e.g. Norwegen), in denen die kleinste Münze auch noch Kaufkraft hat. Eigentlich brauchen wir keine Unterteilungen, die kleiner als ein Franken sind. Warenhäuser können runden, billige Waren einfach so gebündelt werden, dass ihre Preise in ganzen Franken zu bezahlen sind. Das Rätsel, das sich nebenher noch stellt, ist: Warum entspricht das »Füfzgi« nicht proportional seinem Wert?

Sonntag, 7. Juni 2009

Natalie Rickli braucht einen Watchblog - Strafen

Wenn eine junge blonde Frau rassistische Positionen vertritt, Statistiken bewusst falsch auslegt und sich mit unsachlicher Politik medial profiliert, dann spielt die Tatsache, dass sie jung und blond ist eigentlich keine Rolle. Es sei denn, diese Tatsache lasse einen übersehen, dass hier unfaire, verlogene und dumme Politk gemacht wird, weil man sowas eigentlich eher von den die junge blonde Dame umgebenden Herren erwarten würde.
Ich werde deshalb Frau Rickli ein wenig auf die Finger bzw. auf die Vorstösse sehen und hier darüber berichten, auch wenn das nicht alle gleich interessieren mag. Der Tagi berichtet hier, dass sich Frau Rickli mit fünf Vorstössen Respekt verschafft habe. Diese fünf Vorstösse betreffen alle die so genannte »Kuscheljustiz« und sind geeignet, auch die Boulevardpresse zu beeindrucken. Grundsätzlich fordert Frau Rickli höhere Strafen für Gewalttäter und Vergewaltiger, z.B. für Vergewaltiger von Kindern unter 12 Jahren. Aus der ebenfalls verlinkten Antwort des Departements kann man erkennen, wo das Problem liegt: Niemand kann sich wirklich gegen höhere Strafen für solche Täter aussprechen, weil man dann jemanden zu verteidigen scheint, der eine verwerfliche Tat begangen hat. Dennoch gibt es strafrechtliche Abwägungen, welche auf empirischen Studien und juristischen Prinzipien beruhen, welche Frau Rickli entweder ignoriert oder nicht kennt. Das Problem liegt darin, dass diese Forderung nach strengeren Strafen jedes Jahr wiederholt werden kann, bis man irgendwann bei der Todesstrafe angelangt ist.
Allgemein sind strafrechtliche Diskussionen (v.a. in Bezug auf Einzelfälle) geprägt von einem unreflektierten Umgang mit der Funktion von Strafen. Strafen haben hauptsächlich eine gesellschaftliche Funktion - wir sind erleichtert, wenn die Leute, die sich nicht an die Regeln halten, dafür büssen. Diese Sühne ist berechtigt - aber nur in einem Mass, welches in der aktuellen Situation mehr als gefährdet ist.

Montag, 1. Juni 2009

Ein Thema, das kein Thema ist - und echte Themen

Ganz einfach: Jugendgewalt ist ein mediales und politisches Scheinproblem. Einerseits gibt es keine Statistiken, die eine Zunahme von Jugendgewalt belegen können, denn mit jeder Art von solcher Statistik ist die Frage verbunden, wie viele der tatsächlich erfolgten Delikte von offiziellen Stellen erfasst werden können. Andererseits wird es durch die politische und mediale Aufmerksamkeit zu einem scheinbar realen Problem, das unsere Wahrnehmung und Gefühle prägt. Am Bahnhof Kreuzlingen, in Meilen, in Baden und an vielen anderen Orten hat »man« Angst, weil man »weiß«, dass jugendliche Täter grundlos, überall und mit unglaublicher Brutalität zuschlagen.
Es ist deshalb umso bedenklicher, dass sich linke Parteien von rechten dieses Thema auf die Agenda setzen lassen, denn es ist ein populistisches Thema, bei dem weder echte politische Lösungen möglich sind noch sind sie nötig. (Die Ausnahmen stellen wenige »Intensivtäter« dar, welche mit jungedstrafrechtlichen Massnahmen kaum motiviert werden können, einen geregelten Lebensstil anzunehmen, aber die gabs schon immer.)
Was sollte also getan werden? Echte Themen ähnlich platzieren, wie das die SVP immer wieder schafft. Was sind echte Themen?

  • Die drohende Entmischung urbaner Gebiete beispielsweise, in denen Quartiere entstehen, wo nur noch reiche Menschen wohnen, zur Schule gehen, einkaufen, Steuern zahlen etc. und solche, wo nur noch arme Menschen leben.
  • Überkommene Strukturen in der Schweiz, zum Beispiel föderalistische. Wenn ich im Kanton Schwyz oder Obwalden wohnen, und in der ganzen Schweiz arbeiten kann, dann kann es nicht sinnvoll sein, dass der Kanton Schwyz oder Obwalden eigene Gesetze und eine eigene Administration hat; und sich dann z.B. der Kanton Obwalden weigert, sich an den kulturellen Kosten der Metropolen angemessen zu beteiligen. Aber auch viele andere althergebrchte Strukturen gehören geändert; die Schweiz könnte ein modernes Land werden, denkt, sie sei ein fast-modernes Land und vergisst, dass sie nicht nur hinsichtlich des Frauenstimmrechts einige Jahre Verspätung eingefahren hat, sondern diese Verspätung nie aufgeholt hat und auch nichts dafür getan hat.
  • Das wäre also ein weiteres Thema: Eine moderne Schweiz. Vorstellungen, wie ein Land funktionieren könnte, nicht wie es schon immer funktioniert hat. Ein Land, das nicht auf einem diffusen Reichtum basiert ist, den man für verdient hält, obwohl man nicht recht weiss, wie man ihn verdient hat (und wehe, jemand sagt etwas gegen das Bankgeheimnis).
  • Und dazu gehört auch, dass man Minderheiten respektiert, sie kennen lernt, wahrnimmt und ihnen einen Platz gibt. Und zwar nicht Afropfingsten und Europride, sondern einen Platz in der Nähe der Leute, die sich in der Merheit fühlen.
  • Ein weiteres Thema wäre, was in der Schweizer Medienlandschaft passiert. Die Qualitätseinbusse, die exemplarisch beim Tages-Anzeiger studiert werden kann, ist beträchtlich. Themen werden ausser bei der NZZ bei allen Tageszeitungen durch Scheinbedürfnisse der Leserschaft gesetzt, nicht durch sachliche Analyse der Geschehnisse. Natürlich auch deshalb, weil Medienarbeitende keine Zeit haben, um zu arbeiten, weil ihre Arbeit sich bezahlt machen muss, und sie keinen höheren Idealen als Leserzahlen verpflichtet sind.
  • Und viele Themen, die echte Themen sind, habe ich sicher übersehen.

Freitag, 29. Mai 2009

Alles ganz anders

Ich hab mir die Sache noch einmal überlegt, die Sache mit dem Betteln. Flos historisch-staatspolitischer Exkurs in Ehren (sie gebührt ja wohl auch ihm), das Problem liegt bei mir:
Bettelnde Menschen stellen einen Anspruch an mein Mitleid. Mitleid würde ich gerne nach klaren Kriterien vergeben: Kälber mit wuscheligem Fell, welche an der Mutter Euter säugen, bemitleide ich dafür, dass sie dereinst geschlachtet werden, Schweine hingegen weniger. (Bereits hier sieht man, dass mit meinem Mitleid wohl etwas nicht ganz stimmt.) Bettler bemitleide ich generell, aber eben: Vor allem im Ausland.
Nun ist es relativ feige, für meine Überforderung (und diejenige des Mitleids in mir) eine staatliche Lösung fordern zu wollen. Deshalb: Wer betteln will, soll betteln können. Schon allein die Tatsache, dass jemand einen Tag in einer Unterführung bettelt, ist ja irgendwie beunruhigend, auch wenn man damit möglicherweise Geld verdienen kann. Wenn ich wirklich finde, die Person verdiene mehr als ich, könnte ich das ja auch tun, eigentlich.
Für einmal von mir die Forderung nach weniger Staat, deshalb.

***

Und ich schließe - in Bezug auf den Staat - gleich noch meinen Unmut über die politische Handhabung der Kosten im Gesundheitswesen an. Unser System idiotisch zu nennen und unser Parlament korrput scheint irgendwie übertrieben zu sein - aber anders kann mans wohl nicht sagen. Wie kann man bei einer obligatorischen Grundversicherung mit vorgeschriebenem Leistungskatalog davon ausgehen, Wettbewerb bringe eine Kostenreduktion?

Freitag, 22. Mai 2009

Natürlich ausgestreckt

Natürlich ausgestreckt
Gibt eine Hand und empfängt mit gleicher Leichtigkeit. Nur
Gierig zupackend muß sie sich anstrengen. Ach
Welche Verführung, zu schenken.
Brecht, Der gute Mensch von Sezuan
Die Frage, der ich mich heute annehmen will, lautet: Was ist von Bettlern in der Schweiz zu halten?
Ausgangspunkt ist der Befund, dass die Schweiz weit gehend bettelfrei war, seit einiger Zeit (zwei Jahre vielleicht) neben Junkies vermehrt auch mehr oder weniger seriöse Bettler an vor allem kleineren Bahnhofen und in Einkaufspassagen anzutreffen sind.
Diese Tatsache stört mich zunächst. Wenn ich mir überlege, warum, dann merke ich, dass ich mit einem etwas chauvinistischen Nationalgefühl sagen muss, dass in der Schweiz niemand betteln müsse - was sofort impliziert, dass das schweizerische System irgendwie besser ist, und auch gar nicht stimmt: Sans-Papiers und andere »illegale« Flüchtlinge können sehr wohl gezwungen sein, zu betteln.
Die Frage ist also, ist das ein Bettler, der es nötig hat, oder einer, der es nicht nötig hat. Wobei auch diese Unterscheidung tückisch ist: Vor einer Weile hat der Tagi über eine Gruppe von Randständigen in der Nähe des HBs berichtet (in diesem Blogpost werde ich Quellenverweise für einmal vermeiden), die angemerkt haben, ihre Sozialhilfe würde natürlich keine Suchtmittelabhängigkeit und Tierarztrechnungen abdecken, wodurch sie es dennoch nötig hätten, zu betteln.
Andererseits hat Kollege Flo, der als Quelle einige Reputation genießt, berichtet, Bettler in St. Gallen würden bei einigermasser guten Arbeitseinstellung rund 300 Franken pro Tag verdienen, was wiederum bedeutet, dass sie bei 20 Arbeitstagen pro Monat auf ein steuerfreies Nettoeinkommen von 6000 Franken kämen, was wiederum bedeutet, dass eher sie mir als ich ihnen etwas geben sollte, da sie mehr verdienen als ich.
Zurück aber zum eigentlichen Thema: Mein Vorschlag wäre eine »zero Tolerance«-Politik bezüglich betteln. Das mag jetzt repressiv klingen, ist aber nicht so gemeint: Wer bettelt, soll über seine finanzielle Lage Auskunft geben und - falls nötig - zusätzliche Unterstützung erhalten. Wer bettelt, ohne bedürftig zu sein, kann verwarnt werden, im Wiederholungsfall könnte man von mir aus hypothetische Betteleinnahmen von staatlichen Zuwendungen abziehen. So weit meine Gedanken zu einer natürlich ausgestreckten Hand, die ich im Ausland wie von selbst habe, in Zürich aber nicht. Was sich aber vielleicht noch ändern kann…

Donnerstag, 21. Mai 2009

The things we do

Das sind meine Wurstfinger, wie Sie auf die runde Scheibe mit Touchsensor drücken, damit ich bald über die Strasse kann (dieses Eingabegerät können sogar Menschen mit Stock benützen).
Und das sind ebenfalls meine Finger (deren Ansehnlichkeit in der Zwischenzweit nicht gebessert hat, Klavierhände sind einfach nicht jedem vergönnt), welche auf einen roten Knopf drücken. Meine Absicht: Schnell über die Strasse bei grünem Licht, ein Vorbild für alle anwesenden und versteckten Kinder sein, generell: Tun, was ein guter Mensch tut.
Der Unterschied? Offenbar - so wurde mir letzte Woche wieder bewusst, obwohl mir das sicher schon oft Leute gesagt haben - nützt nur das untere Drücken etwas. Das obere Gerät ist kein Eingabe, sondern ein Ausgabegerät, deshalb auch das Piktorgramm mit dem Stockmenschen, damit Blinde sehen, dass sie dort ihre Finger draufhalten sollen. Draufdrücken hat nichts zur Folge.
Und meine tiefgründigen Gedankengänge setzen ein. Wie viele Dinge tun wir, von denen wir nur glauben, dass sie etwas nützen? Spontan fallen mir ein: Handy in der Nacht ausschalten wegen der Strahlung (das Funktelefon und Wlan aber anlassen). Versuchen, Kindern ein Vorbild zu sein. Blogeinträge verfassen.

Samstag, 25. April 2009

Eigentlich...

…wollte ich vom Bloggen eine kurze Auszeit nehmen. Dieser Artikel auf Newsnetz (eigentlich Berner Zeitung) hindert mich jedoch daran. Es geht um die mein Lieblingskleiderlabe Tally Wijl, über das ich mich hier schon einmal ausgelassen habe (bzw. über seine PR-Kampagne). Ich zitiere ein bisschen:

Ausserdem bedeute Sexy-Sein heute doch etwas ganz anderes als noch vor 20 Jahren: «Sexy-Sein heisst sich schön fühlen, Spass haben und selbstsicher sein.» […]
Mit Unschuldsmiene beteuert Fashionfrau Weijl, man habe nicht bewusst das Aktivistenvokabular benutzt: «Nein, das Mädchen will einfach Spass haben – wie alle Mädchen.» Bedenkt man, dass das Label sich gemäss der Clean Clothes Campaign nicht um faire und umweltgerechte Produktionsbedingungen schert und trotzdem jedes Jahr wächst, so stimmt das vielleicht tatsächlich. Aber wer weiss: Vielleicht ändert sich das einmal – spätestens dann, wenn auch die Aktivisten sexy werden.
Aktivisten sind also nicht sexy, weil sie keinen Spass haben - die Mädchen sind keine Aktivistinnen, weil sie einfach Spass haben wollen, wie jedes Mädchen, notabene. Spass wiederum hat man wohl, wenn man sexy ist, und sexy ist man, wenn man Tally Weijl (nun kann ich diesen Namen auch schon fehlerfrei und ohne nachzusehen schreiben, aussprechen zum Glück noch immer nicht) Kleider trägt. So einfach ist das.
Dass so ein Artikel dem Kodex des Presserats entsprechen könnte (»Sie vermeiden in ihrer beruflichen Tätigkeit als Journalistinnen und Journalisten jede Form von kommerzieller Werbung und akzeptieren keinerlei Bedingungen von seiten der Inserenten.« [Quelle]) , würde mir auf Anfrage sicher noch jemand bei dieser Zeitung erklären können, und ich rate schon mal: Es ist ein erfolgreiches Schweizer Label, das darf man auch mal schreiben etc. Ich finde: Totaler Quatsch. Da wird sowohl online als auch im Printmedium Werbung für eine Kleiderfirma gemacht, und der Geschäftsleiterin die Möglichkeit gegeben, hohle Phrasen zu dreschen.
Hier beginnt wieder die kurze Auszeit - bis am Montag.

Mittwoch, 1. April 2009

Boredom, Boredom - Omegle

Die Omegle-Seite verspricht, man könne sich sofort mit Fremden unterhalten (»Talk to strangers!«), und tatsächlich: Das kann man: hier. Ich habs mit grossem Erfolg getan:
Das Motto des Tages kommt in diesem Fall von den Buzzcocks:

Dienstag, 31. März 2009

Wie schwul bist du wirklich?


Man kann die Qualität des Zusammenlebens in einer Gesellschaft leicht messen: So angenehm, wie die Schwächsten behandelt werden, so angenehm kann man wohl generell das Zusammenleben in so einer Gesellschaft bezeichnen.
In unserer Gesellschaft gibt es einige, die man als schwach bezeichnen kann. Weder von Ausländern (die Mundgeruch zu haben scheinen) noch von Behinderten (gibts die noch - oder haben wir die nicht alle schon vor der Geburt abgetrieben?) soll hier die Rede sein, sondern von Schwulen. Vielleicht auch von Lesben.
Natürlich sind wir total aufgeklärt, finden Schwul-Sein völlig normal, schließlich gibt es sogar in Hollywood-Serien mittlerweile Schwule. Nur sollen diese Schwulen doch nicht einfach so rumlaufen wie Schwuchteln, nicht so hoch reden, rosa Hemden anziehen und was Schwule sonst noch so alles machen. Und auch wenn 20-Jährige allerhand als »schwul« bezeichnen, so meinen sie es nicht negativ, so sagt man heute halt einfach, wenn etwas irgendwie nicht so ist, wie es sein sollte. Nein, »schwul« ist keine Beleidigung, denn wir kennen sogar jemanden, der kennt einen, und der ist schwul. In meinem Umfeld gibt es - glücklicherweise - keine Schwulen, denn dann würden die mich noch anmachen und so. Wie das Schwule halt tun. Aber nein, gegen Schwule habe ich nichts.
Und noch ein bisschen ernsthafter: Homosexuelle Jugendliche bringen sich sechs Mal häufiger um als gleichaltrige Heterosexuelle [Quelle, pdf]. Und warum? Weil ein coming out in einer durchschnittlichen Schweizer Schule, einem durchschnittlichen Schweizer Sportverein, an einem durchschnittlichen Schweizer Arbeitsplatz mehr Mut braucht, als man von jungen Menschen erwarten kann. Aber es sollte keinen Mut brauchen. Und wenn Frau Mauch gefragt wird, was sich nun die Homosexuellen von ihrer Wahl versprechen können, so könnte man das nächste Mal auch einen heterosexuellen Politiker befragen, was denn nun die heterosexuellen Paare von seiner Wahl haben.

Sonntag, 29. März 2009

Doppelgänger - Eine Geschichte

Mit den drei auf der linken Seite abgebildeten Herren werde ich dann und wann verwechselt - mit den einen häufiger, mit den anderen weniger häufig. Die sehen nun alle ganz ansprechend aus, so dass diese Verwechslungsgeschichte mein Ego nur insofern berührt, als dadurch meine unleugbare Individualität direkt hinterfragt wird. Sowas mag ich nicht.
Die Geschichte, die ich erzählen will, ist kurz: Ich war verabredet. Auf dem Weg zum Treffpunkt meine ich meinen Gesprächspartner zu treffen, spreche ihn an, und er meint: »Ah nein, ich bin nicht X, er wartet schon auf Sie.« Leicht peinlich berührt bespreche ich mich mit X, ohne die Verwechslung zu erwähnen. Kaum ist er gegangen,
treffe ich eine Kollegen, der meint: »Der X wollte seine Besprechung mit mir abhalten, er hat gemeint, ich sei du.« So hat denn also eine Besprechung zwischen zwei Menschen stattgefunden, die beide voneinander nicht wussten, dass sie jeweils der andere sind.

Samstag, 28. März 2009

Internet, Botox und »Maulkorb« - Katja Stauber und Erwin Kessler

Katja Stauber wehrt sich juristisch gegen Erwin Kessler, weil der erstens kritisiert, wie Frau Stauber die Tagesschau moderiert hat und ihr zweitens unterstellt, Botox gespritzt zu haben.
Nun hat das Zürcher Obergericht Herrn Kessler »im Rahmen einer vorsorglichen Massnahme jegliche kritische Äusserungen über die Fernsehfrau« verboten [Quelle]. Obwohl das Obergericht einsieht, dass es in die Meinungsäußerungsfreiheit von Herrn Kessler eingreift, legitimiert es die Massnahme »durch die ernsthafte Befürchtung weiterer Persönlichkeitsverletzungen«.


Man fragt sich:

  • Müsste für das Urteil nicht auch geklärt werden, ob Frau Stauber Botox gespritzt hat? Herr Kessler darf dies nicht mehr behaupten - obwohl es ja vielleicht richtig ist…
  • Wie konnte Frau Stauber (bzw. ihre Anwälte (v.a. Mayr von Baldegg) und Berater) auf die Idee kommen, einen solchen Prozess anzustreben - dessen wohl direktestes Resultat ist, dass Google für "Katja Stauber" nun an dritter Stelle den Botox-Vorwurf liefert (Und die Frage »Wie hässlich ist die Botox-Moderatorin Katja-Stauber wirklich?«).
  • Wie konnten sowohl diese Leute als auch das Gericht annehmen, ein Urteil könne eine Meinungsäußerung im Internet verhindern (Herr Kessler gibt an, die Seiten seien auf einen Server in »Übersee« transferiert worden)?
  • Wie kann eine Einschränkung der Meinungsäußerungsfreiheit dadruch begründet werden, dass jemand etwas sagen könnte, was gegen das Gesetz verstösst? Widerspricht das nicht in fundamentaler Weise dem Prinzip der Freiheit?
  • Und letztlich stellt das Internet doch auch die Festlegung eines oder einer Verantwortlichen für eine Information vor grössere Schwierigkeiten, wenn man sowas geschickt organisiert, kann niemand mehr wissen, wer genau etwas geschrieben, gesagt, gepostet etc. hat.
Tja, diese neue Medienwelt…