Montag, 29. Juni 2009

Gibt es Alternativen?

Darin liegt das historisch Unerhörte des Kapitalismus, daß Religion nicht mehr Reform des Seins sondern dessen Zertrümmerung ist. [Walter Benjamin, Quelle (pdf)]
Die Frage, ob es Alternativen zum Kapitalismus gebe, wird derzeit breit diskutiert und ebenso breit negiert. Nur weil sich historisch keine Alternativen haben durchsetzen können, heißt das aber nicht, dass sich solche nicht finden ließen. Zunächst kann man sich fragen, aufgrund welcher Kriterien sich ein Wirtschaftssystem durchsetzen kann. Dazu nur ein Gedanke: In kapitalistischen Systemen entscheiden Menschen oft so, als wären sie potentiell reich. Sie lassen sich auf einen »capitalist dream« ein, der zwar jedem und jeder die Möglichkeit gibt, reich zu werden - und dabei außer acht lässt, dass dieser Reichtum mit der Armut anderer Menschen erkauft wird. Würde man sich an den Ärmsten orientieren - wie das Gerechtigkeitstheoretiker vorschlagen -, hätte sich der Kapitalismus wohl kaum durchgesetzt.
So kommt es auch, dass die lösbaren Probleme des Kapitalismus nicht gelöst werden können. Man könnte nun Kapitalismus durch eine Reihe von Gesetzen beschränken, z.B. die Löhne von Managern beschneiden etc. Solche Vorschläge scheinen dem Prinzip des Kapitalismus zu widersprechen, wonach Preise rational sind: Wenn es jemanden gibt, der für die Leistung dieses Managers so viel zahlen will, dann darf er das m.E.
Probleme gibt es grundsätzlich vier:
  1. Kapitalistische Ordnungen sind dann fair, wenn sie überschaubare Systeme betreffen. Ein Austausch von Waren und Geldern über Kulturen (und Systeme) hinweg muss zu Paradoxien und Ungerechtigkeiten führen. Und sei es nur, dass der Kapitalgeber Leute ausnutzen kann, ohne von ihnen damit konfrontiert zu weden, ohne überhaupt ein Gesicht zu haben. Wer ist denn letztlich dafür verantwortlich, dass in China Wanderarbeiter eigentliche Sklavenarbeit verrichten müssen? Niemand, natürlich. Oder: Wir alle, weil diese Leute in eine System eingebunden sind, aus dem wir unsere Kleider und Gadgets beziehen.
  2. Gewisse Dinge können niemandem gehören, weil es niemanden gibt, der sie verkaufen könnte, sie sind Allgemeingut. Dazu gehört das Land und alle Ressourcen. Sinnvoll wäre es, Pachtpreise für Land zu bezahlen, welche der Allgemeinheit zukommen.
  3. Geld muss zirkulieren. Es darf keine Anreize geben, Geld dem Fluss zu entziehen. Hier könnten wohl volkswirtschaftliche Korrekturen vorgenommen werden, die ich im Detail nicht verstehe. Grundsätzlich scheint das System immer dann gut zu funktionieren, wenn verschiedene echte Bedürfnisse durch den Markt gegeneinander abgewogen werden müssen. Das Bedürfnis, aus viel Geld mehr Geld zu machen, sollte aber dazu nicht gehören - und es wird eben nur durch die Leute gestützt, die sich denken, dass sie auch einmal erben werden, dass sie auch einmal mit einer krassen Steuerprogression konfrontiert sind.
  4. Es darf nichts gratis geben. Wenn etwas gratis ist, heißt das, dass die Allgemeinheit für die Kosten aufkommt. Das Schwarzfahrerproblem ist in zu vielen Bereichen vorhanden.
Die Diskussion solcher Probleme ist nicht neu und eigentlich auch krisenunabhängig. Fazit wäre: Die Freiheit des kapitalistischen Systems lässt sich vereinbaren mit einem besseren System, wenn seine Grösse beschränkt, sein Geldfluss gesichert, Besitz von Allgemeingut verunmöglicht und sämtliche Kosten erfasst werden.

Montag, 22. Juni 2009

Verdachtsmomente

Wenn man oft Zug und Bus fährt, mustert man seine Zeitgenossen. Und man entwickelt ein Zeichensystem, aus dem darauf schließt, ob man neben dieser Person pendeln, eine Mahlzeit einnehmen oder die Zeitung lesen möchte - wenn man denn die Wahl hat. Einige dieser Indikatoren seien hier preisgegeben:

  1. Übermässiges Parfum. Junge Frauen, die sich eben in Kokosbutter vom Body Shop oder in Blütenzauber von L'Occitane en Provence gebadet haben, ihren Duft mit 15 schnellen Sprühdosen »Oops I did it again« von Britney aufgefrischt oder allenfalls grad daran sind, sich in der S-Bahn neu zu schminken, sind verdächtig. Ebenso aufdringlich parfümierte Männer, aber die gibt es eher selten.
  2. Bierdosen. Es gibt Leute, die trinken in der S-Bahn morgens um halb sieben ein grosses Feldschlösschen. Aber die Aussage gilt fast allgemein: Eine grosse Dose Prix-Garantie-Bier ist ein guter Indikator, ausser man fährt mit dem Bus an ein Open Air oder um halb zehn abends an die Langstrasse, weil man da keinen Platz finden würde, wenn man diese Regel beherzigte.
  3. Kleider mit Aufdruck oder Tatoos drauf, Don Ed Hardy insbesondere. Ein deutliches Zeichen, dass man bald ein Handygespräch mitverfolgen darf, das man nicht geniessen, dem man sich aber auch nicht entziehen kann.
  4. Handy, aus deren Lautsprecher irgendwas scherbelt. Wer Musik hört, welche man auch aus einem Handylautsprecher hören möchte, hört Musik, die ich sicher nicht hören möchte. Problem: Hier muss man nicht nur ein Abteil weiter gehen, sondern gleich den Waggon wechseln.
  5. Mitgeführte Haustiere. Seien es Hunde, welche in Taschen gepackt sind, Hunde, welche unter dem Sitz schlafen oder Hunde, die einem in den Schoß geifern - ein Problem bahnt sich an. Das gleiche gilt aber auch für Tiere, für die ich Wohlwollen aufbringen kann.
  6. Pulver auf dem Tischchen, das mit einer Coop-Superkarte bearbeitet wird. Ein gutes Zeichen, das man bei der nächsten Dopingkontrolle auffliegen könnte, auch wenn man Martina Hingis ist.
  7. Kinder, die Mützen tragen, welche zu farbig sind. Ein Zeichen dafür, dass sie sich auf einem Schulausflug befinden und aus sozialen Gründen bald Dinge tun werden, welche ihre Begleitpersonen vor erzieherische Herausforderungen stellen.
Sobald ich diesen Post veröffentliche, werden mir noch weitere Zeichen in den Sinn kommen - vielleicht sind mir aber auch sonst einige entgangen…

(Ah ja, sitze möchte ich neben der Dame im Deux-Pièce oder dem Herrn im Anzug, die allenfalls einen Becher Espresso mit sich führen, auf ihrem Laptop klimpern und allenfalls die NZZ lesen. Auch wenn ich nicht so formal gekleidet bin - irgendwie würde ich gerne neben mir sitzen, auch wenn ich meistens drei Plätze beanspruche und nicht möchte, dass sich jemand neben mich setzt…)

Montag, 15. Juni 2009

Gottes geniale Idee

Ein »Bündnis Christliche Schweiz« macht mit einer Plakatkampagne auf sich aufmerksam: Abgesehen von der Frage, ob Gott Ideen habe, ob einzelne davon das Prädikat »genial« verdienen und ob die Familie eine Idee Gottes sei, kann man sich fragen, woher eine Organisation die Motivation und die finanziellen Ressourcen bezieht, um solche Plakate aufhängen zu lassen.
Ein Blick auf die Homepage des »Bündnisses« macht alles klar: Hier haben sich radikal-konservative Organisationen zusammengeschlossen, um Homophobie, Nationalismus und familienfeindlicher Politik einen harmlosen Anstrich zu geben.
So fröhlich die abgebildete Familie aussehen mag, so wenig Grund hat sie nämlich dazu: Der Vater darf zwar die ganze Familie ernähren, auch wenn er einen Beruf hat, in dem die Bezahlung dazu nicht ausreicht. Die Mutter arbeitet nur in der Familie, weil ein Krippenplatz grundsätzlich nicht infrage kommt, da Krippen und Horte die Familie auf eine obskure Art und Weise zu bedrohen scheinen. Die Tochter bekommt bei einer ungewollten Schwangerschaft während ihres Studiums ein Problem, weil eine Abtreibung in dieser Familie undenkbar ist, während der Sohn bei seinem coming-out in eine Therapie muss, da Homosexualität nichts anderes als eine Krankheit ist, was sich nach der Logik der beteiligten Organisation daran ablesen lässt, dass Homosexuelle sich öfter umbringen als Heterosexuelle. Eine Ehekrise darf es nicht geben, denn diese Beziehung muss gemäss Gottes genialer Idee ewig halten. Zu guter Letzt ist diese Familie äußerst stolz darauf, Schweizer zu sein, denn die Schweiz ist von Gott mit Frieden und Reichtum beschenkt worden, wahrscheinlich, weil schon im Bundesbrief Gott erwähnt worden ist.
Andere Familien sind - besser könnte man es nicht formulieren - Pseudofamilien. In diesem Sinne hoffen wir, dass Gott noch weitere geniale Ideen gehabt habt, welche Anlass zu Plakatkampagnen geben.

Montag, 8. Juni 2009

Münz

Nicht nur trage ich ständig mehr Münz in meinen Taschen, als akkustisch und physikalisch angenehm wäre, sondern mir gefällt irgendwie auch das Wort Münz, das ich so noch in keiner anderen Sprache angetroffen habe.
Ich mag aber auch andere Dinge, z.B. Glacé (auch ein Wort, das durch Eis irgendwie nicht adäquat wiedergegeben werden kann). Neuerdings (d.h. wohl seit ca. fünf Jahren, so kurz werden fünf Jahre, wenn man selber alt wird), neuerdings werden also solche Glacés an Kiosken (noch so ein Wort) eingescant und weil parallel Leute noch Lebensversicherungen abschliessen und Reisen buchen können an Kiosken, kann das Einkaufen von einem Glacé länger dauern, als die Wartezeit auf den Zug zuliesse. Deshalb habe ich kaum die Musse, auf das Wechselgeld zu warten, das ich erhalte, und renne weg. Dieses Wechselgeld ist wirklich unnötig: Warum kostet meine Glacé nicht 3 Franken oder 2 Franken, sondern 2.90 oder 1.90? Trivialpsychologisch mag das wohl ein Kaufanreiz sein, der sich aber wohl mittlerweile etwas abgenutzt hat.
Deshalb: Schaffen wir doch Münz ab. Es gibt Länder (e.g. Norwegen), in denen die kleinste Münze auch noch Kaufkraft hat. Eigentlich brauchen wir keine Unterteilungen, die kleiner als ein Franken sind. Warenhäuser können runden, billige Waren einfach so gebündelt werden, dass ihre Preise in ganzen Franken zu bezahlen sind. Das Rätsel, das sich nebenher noch stellt, ist: Warum entspricht das »Füfzgi« nicht proportional seinem Wert?

Sonntag, 7. Juni 2009

Natalie Rickli braucht einen Watchblog - Strafen

Wenn eine junge blonde Frau rassistische Positionen vertritt, Statistiken bewusst falsch auslegt und sich mit unsachlicher Politik medial profiliert, dann spielt die Tatsache, dass sie jung und blond ist eigentlich keine Rolle. Es sei denn, diese Tatsache lasse einen übersehen, dass hier unfaire, verlogene und dumme Politk gemacht wird, weil man sowas eigentlich eher von den die junge blonde Dame umgebenden Herren erwarten würde.
Ich werde deshalb Frau Rickli ein wenig auf die Finger bzw. auf die Vorstösse sehen und hier darüber berichten, auch wenn das nicht alle gleich interessieren mag. Der Tagi berichtet hier, dass sich Frau Rickli mit fünf Vorstössen Respekt verschafft habe. Diese fünf Vorstösse betreffen alle die so genannte »Kuscheljustiz« und sind geeignet, auch die Boulevardpresse zu beeindrucken. Grundsätzlich fordert Frau Rickli höhere Strafen für Gewalttäter und Vergewaltiger, z.B. für Vergewaltiger von Kindern unter 12 Jahren. Aus der ebenfalls verlinkten Antwort des Departements kann man erkennen, wo das Problem liegt: Niemand kann sich wirklich gegen höhere Strafen für solche Täter aussprechen, weil man dann jemanden zu verteidigen scheint, der eine verwerfliche Tat begangen hat. Dennoch gibt es strafrechtliche Abwägungen, welche auf empirischen Studien und juristischen Prinzipien beruhen, welche Frau Rickli entweder ignoriert oder nicht kennt. Das Problem liegt darin, dass diese Forderung nach strengeren Strafen jedes Jahr wiederholt werden kann, bis man irgendwann bei der Todesstrafe angelangt ist.
Allgemein sind strafrechtliche Diskussionen (v.a. in Bezug auf Einzelfälle) geprägt von einem unreflektierten Umgang mit der Funktion von Strafen. Strafen haben hauptsächlich eine gesellschaftliche Funktion - wir sind erleichtert, wenn die Leute, die sich nicht an die Regeln halten, dafür büssen. Diese Sühne ist berechtigt - aber nur in einem Mass, welches in der aktuellen Situation mehr als gefährdet ist.

Montag, 1. Juni 2009

Ein Thema, das kein Thema ist - und echte Themen

Ganz einfach: Jugendgewalt ist ein mediales und politisches Scheinproblem. Einerseits gibt es keine Statistiken, die eine Zunahme von Jugendgewalt belegen können, denn mit jeder Art von solcher Statistik ist die Frage verbunden, wie viele der tatsächlich erfolgten Delikte von offiziellen Stellen erfasst werden können. Andererseits wird es durch die politische und mediale Aufmerksamkeit zu einem scheinbar realen Problem, das unsere Wahrnehmung und Gefühle prägt. Am Bahnhof Kreuzlingen, in Meilen, in Baden und an vielen anderen Orten hat »man« Angst, weil man »weiß«, dass jugendliche Täter grundlos, überall und mit unglaublicher Brutalität zuschlagen.
Es ist deshalb umso bedenklicher, dass sich linke Parteien von rechten dieses Thema auf die Agenda setzen lassen, denn es ist ein populistisches Thema, bei dem weder echte politische Lösungen möglich sind noch sind sie nötig. (Die Ausnahmen stellen wenige »Intensivtäter« dar, welche mit jungedstrafrechtlichen Massnahmen kaum motiviert werden können, einen geregelten Lebensstil anzunehmen, aber die gabs schon immer.)
Was sollte also getan werden? Echte Themen ähnlich platzieren, wie das die SVP immer wieder schafft. Was sind echte Themen?

  • Die drohende Entmischung urbaner Gebiete beispielsweise, in denen Quartiere entstehen, wo nur noch reiche Menschen wohnen, zur Schule gehen, einkaufen, Steuern zahlen etc. und solche, wo nur noch arme Menschen leben.
  • Überkommene Strukturen in der Schweiz, zum Beispiel föderalistische. Wenn ich im Kanton Schwyz oder Obwalden wohnen, und in der ganzen Schweiz arbeiten kann, dann kann es nicht sinnvoll sein, dass der Kanton Schwyz oder Obwalden eigene Gesetze und eine eigene Administration hat; und sich dann z.B. der Kanton Obwalden weigert, sich an den kulturellen Kosten der Metropolen angemessen zu beteiligen. Aber auch viele andere althergebrchte Strukturen gehören geändert; die Schweiz könnte ein modernes Land werden, denkt, sie sei ein fast-modernes Land und vergisst, dass sie nicht nur hinsichtlich des Frauenstimmrechts einige Jahre Verspätung eingefahren hat, sondern diese Verspätung nie aufgeholt hat und auch nichts dafür getan hat.
  • Das wäre also ein weiteres Thema: Eine moderne Schweiz. Vorstellungen, wie ein Land funktionieren könnte, nicht wie es schon immer funktioniert hat. Ein Land, das nicht auf einem diffusen Reichtum basiert ist, den man für verdient hält, obwohl man nicht recht weiss, wie man ihn verdient hat (und wehe, jemand sagt etwas gegen das Bankgeheimnis).
  • Und dazu gehört auch, dass man Minderheiten respektiert, sie kennen lernt, wahrnimmt und ihnen einen Platz gibt. Und zwar nicht Afropfingsten und Europride, sondern einen Platz in der Nähe der Leute, die sich in der Merheit fühlen.
  • Ein weiteres Thema wäre, was in der Schweizer Medienlandschaft passiert. Die Qualitätseinbusse, die exemplarisch beim Tages-Anzeiger studiert werden kann, ist beträchtlich. Themen werden ausser bei der NZZ bei allen Tageszeitungen durch Scheinbedürfnisse der Leserschaft gesetzt, nicht durch sachliche Analyse der Geschehnisse. Natürlich auch deshalb, weil Medienarbeitende keine Zeit haben, um zu arbeiten, weil ihre Arbeit sich bezahlt machen muss, und sie keinen höheren Idealen als Leserzahlen verpflichtet sind.
  • Und viele Themen, die echte Themen sind, habe ich sicher übersehen.

Freitag, 29. Mai 2009

Alles ganz anders

Ich hab mir die Sache noch einmal überlegt, die Sache mit dem Betteln. Flos historisch-staatspolitischer Exkurs in Ehren (sie gebührt ja wohl auch ihm), das Problem liegt bei mir:
Bettelnde Menschen stellen einen Anspruch an mein Mitleid. Mitleid würde ich gerne nach klaren Kriterien vergeben: Kälber mit wuscheligem Fell, welche an der Mutter Euter säugen, bemitleide ich dafür, dass sie dereinst geschlachtet werden, Schweine hingegen weniger. (Bereits hier sieht man, dass mit meinem Mitleid wohl etwas nicht ganz stimmt.) Bettler bemitleide ich generell, aber eben: Vor allem im Ausland.
Nun ist es relativ feige, für meine Überforderung (und diejenige des Mitleids in mir) eine staatliche Lösung fordern zu wollen. Deshalb: Wer betteln will, soll betteln können. Schon allein die Tatsache, dass jemand einen Tag in einer Unterführung bettelt, ist ja irgendwie beunruhigend, auch wenn man damit möglicherweise Geld verdienen kann. Wenn ich wirklich finde, die Person verdiene mehr als ich, könnte ich das ja auch tun, eigentlich.
Für einmal von mir die Forderung nach weniger Staat, deshalb.

***

Und ich schließe - in Bezug auf den Staat - gleich noch meinen Unmut über die politische Handhabung der Kosten im Gesundheitswesen an. Unser System idiotisch zu nennen und unser Parlament korrput scheint irgendwie übertrieben zu sein - aber anders kann mans wohl nicht sagen. Wie kann man bei einer obligatorischen Grundversicherung mit vorgeschriebenem Leistungskatalog davon ausgehen, Wettbewerb bringe eine Kostenreduktion?

Freitag, 22. Mai 2009

Natürlich ausgestreckt

Natürlich ausgestreckt
Gibt eine Hand und empfängt mit gleicher Leichtigkeit. Nur
Gierig zupackend muß sie sich anstrengen. Ach
Welche Verführung, zu schenken.
Brecht, Der gute Mensch von Sezuan
Die Frage, der ich mich heute annehmen will, lautet: Was ist von Bettlern in der Schweiz zu halten?
Ausgangspunkt ist der Befund, dass die Schweiz weit gehend bettelfrei war, seit einiger Zeit (zwei Jahre vielleicht) neben Junkies vermehrt auch mehr oder weniger seriöse Bettler an vor allem kleineren Bahnhofen und in Einkaufspassagen anzutreffen sind.
Diese Tatsache stört mich zunächst. Wenn ich mir überlege, warum, dann merke ich, dass ich mit einem etwas chauvinistischen Nationalgefühl sagen muss, dass in der Schweiz niemand betteln müsse - was sofort impliziert, dass das schweizerische System irgendwie besser ist, und auch gar nicht stimmt: Sans-Papiers und andere »illegale« Flüchtlinge können sehr wohl gezwungen sein, zu betteln.
Die Frage ist also, ist das ein Bettler, der es nötig hat, oder einer, der es nicht nötig hat. Wobei auch diese Unterscheidung tückisch ist: Vor einer Weile hat der Tagi über eine Gruppe von Randständigen in der Nähe des HBs berichtet (in diesem Blogpost werde ich Quellenverweise für einmal vermeiden), die angemerkt haben, ihre Sozialhilfe würde natürlich keine Suchtmittelabhängigkeit und Tierarztrechnungen abdecken, wodurch sie es dennoch nötig hätten, zu betteln.
Andererseits hat Kollege Flo, der als Quelle einige Reputation genießt, berichtet, Bettler in St. Gallen würden bei einigermasser guten Arbeitseinstellung rund 300 Franken pro Tag verdienen, was wiederum bedeutet, dass sie bei 20 Arbeitstagen pro Monat auf ein steuerfreies Nettoeinkommen von 6000 Franken kämen, was wiederum bedeutet, dass eher sie mir als ich ihnen etwas geben sollte, da sie mehr verdienen als ich.
Zurück aber zum eigentlichen Thema: Mein Vorschlag wäre eine »zero Tolerance«-Politik bezüglich betteln. Das mag jetzt repressiv klingen, ist aber nicht so gemeint: Wer bettelt, soll über seine finanzielle Lage Auskunft geben und - falls nötig - zusätzliche Unterstützung erhalten. Wer bettelt, ohne bedürftig zu sein, kann verwarnt werden, im Wiederholungsfall könnte man von mir aus hypothetische Betteleinnahmen von staatlichen Zuwendungen abziehen. So weit meine Gedanken zu einer natürlich ausgestreckten Hand, die ich im Ausland wie von selbst habe, in Zürich aber nicht. Was sich aber vielleicht noch ändern kann…

Donnerstag, 21. Mai 2009

The things we do

Das sind meine Wurstfinger, wie Sie auf die runde Scheibe mit Touchsensor drücken, damit ich bald über die Strasse kann (dieses Eingabegerät können sogar Menschen mit Stock benützen).
Und das sind ebenfalls meine Finger (deren Ansehnlichkeit in der Zwischenzweit nicht gebessert hat, Klavierhände sind einfach nicht jedem vergönnt), welche auf einen roten Knopf drücken. Meine Absicht: Schnell über die Strasse bei grünem Licht, ein Vorbild für alle anwesenden und versteckten Kinder sein, generell: Tun, was ein guter Mensch tut.
Der Unterschied? Offenbar - so wurde mir letzte Woche wieder bewusst, obwohl mir das sicher schon oft Leute gesagt haben - nützt nur das untere Drücken etwas. Das obere Gerät ist kein Eingabe, sondern ein Ausgabegerät, deshalb auch das Piktorgramm mit dem Stockmenschen, damit Blinde sehen, dass sie dort ihre Finger draufhalten sollen. Draufdrücken hat nichts zur Folge.
Und meine tiefgründigen Gedankengänge setzen ein. Wie viele Dinge tun wir, von denen wir nur glauben, dass sie etwas nützen? Spontan fallen mir ein: Handy in der Nacht ausschalten wegen der Strahlung (das Funktelefon und Wlan aber anlassen). Versuchen, Kindern ein Vorbild zu sein. Blogeinträge verfassen.

Samstag, 25. April 2009

Eigentlich...

…wollte ich vom Bloggen eine kurze Auszeit nehmen. Dieser Artikel auf Newsnetz (eigentlich Berner Zeitung) hindert mich jedoch daran. Es geht um die mein Lieblingskleiderlabe Tally Wijl, über das ich mich hier schon einmal ausgelassen habe (bzw. über seine PR-Kampagne). Ich zitiere ein bisschen:

Ausserdem bedeute Sexy-Sein heute doch etwas ganz anderes als noch vor 20 Jahren: «Sexy-Sein heisst sich schön fühlen, Spass haben und selbstsicher sein.» […]
Mit Unschuldsmiene beteuert Fashionfrau Weijl, man habe nicht bewusst das Aktivistenvokabular benutzt: «Nein, das Mädchen will einfach Spass haben – wie alle Mädchen.» Bedenkt man, dass das Label sich gemäss der Clean Clothes Campaign nicht um faire und umweltgerechte Produktionsbedingungen schert und trotzdem jedes Jahr wächst, so stimmt das vielleicht tatsächlich. Aber wer weiss: Vielleicht ändert sich das einmal – spätestens dann, wenn auch die Aktivisten sexy werden.
Aktivisten sind also nicht sexy, weil sie keinen Spass haben - die Mädchen sind keine Aktivistinnen, weil sie einfach Spass haben wollen, wie jedes Mädchen, notabene. Spass wiederum hat man wohl, wenn man sexy ist, und sexy ist man, wenn man Tally Weijl (nun kann ich diesen Namen auch schon fehlerfrei und ohne nachzusehen schreiben, aussprechen zum Glück noch immer nicht) Kleider trägt. So einfach ist das.
Dass so ein Artikel dem Kodex des Presserats entsprechen könnte (»Sie vermeiden in ihrer beruflichen Tätigkeit als Journalistinnen und Journalisten jede Form von kommerzieller Werbung und akzeptieren keinerlei Bedingungen von seiten der Inserenten.« [Quelle]) , würde mir auf Anfrage sicher noch jemand bei dieser Zeitung erklären können, und ich rate schon mal: Es ist ein erfolgreiches Schweizer Label, das darf man auch mal schreiben etc. Ich finde: Totaler Quatsch. Da wird sowohl online als auch im Printmedium Werbung für eine Kleiderfirma gemacht, und der Geschäftsleiterin die Möglichkeit gegeben, hohle Phrasen zu dreschen.
Hier beginnt wieder die kurze Auszeit - bis am Montag.

Mittwoch, 1. April 2009

Boredom, Boredom - Omegle

Die Omegle-Seite verspricht, man könne sich sofort mit Fremden unterhalten (»Talk to strangers!«), und tatsächlich: Das kann man: hier. Ich habs mit grossem Erfolg getan:
Das Motto des Tages kommt in diesem Fall von den Buzzcocks:

Dienstag, 31. März 2009

Wie schwul bist du wirklich?


Man kann die Qualität des Zusammenlebens in einer Gesellschaft leicht messen: So angenehm, wie die Schwächsten behandelt werden, so angenehm kann man wohl generell das Zusammenleben in so einer Gesellschaft bezeichnen.
In unserer Gesellschaft gibt es einige, die man als schwach bezeichnen kann. Weder von Ausländern (die Mundgeruch zu haben scheinen) noch von Behinderten (gibts die noch - oder haben wir die nicht alle schon vor der Geburt abgetrieben?) soll hier die Rede sein, sondern von Schwulen. Vielleicht auch von Lesben.
Natürlich sind wir total aufgeklärt, finden Schwul-Sein völlig normal, schließlich gibt es sogar in Hollywood-Serien mittlerweile Schwule. Nur sollen diese Schwulen doch nicht einfach so rumlaufen wie Schwuchteln, nicht so hoch reden, rosa Hemden anziehen und was Schwule sonst noch so alles machen. Und auch wenn 20-Jährige allerhand als »schwul« bezeichnen, so meinen sie es nicht negativ, so sagt man heute halt einfach, wenn etwas irgendwie nicht so ist, wie es sein sollte. Nein, »schwul« ist keine Beleidigung, denn wir kennen sogar jemanden, der kennt einen, und der ist schwul. In meinem Umfeld gibt es - glücklicherweise - keine Schwulen, denn dann würden die mich noch anmachen und so. Wie das Schwule halt tun. Aber nein, gegen Schwule habe ich nichts.
Und noch ein bisschen ernsthafter: Homosexuelle Jugendliche bringen sich sechs Mal häufiger um als gleichaltrige Heterosexuelle [Quelle, pdf]. Und warum? Weil ein coming out in einer durchschnittlichen Schweizer Schule, einem durchschnittlichen Schweizer Sportverein, an einem durchschnittlichen Schweizer Arbeitsplatz mehr Mut braucht, als man von jungen Menschen erwarten kann. Aber es sollte keinen Mut brauchen. Und wenn Frau Mauch gefragt wird, was sich nun die Homosexuellen von ihrer Wahl versprechen können, so könnte man das nächste Mal auch einen heterosexuellen Politiker befragen, was denn nun die heterosexuellen Paare von seiner Wahl haben.

Sonntag, 29. März 2009

Doppelgänger - Eine Geschichte

Mit den drei auf der linken Seite abgebildeten Herren werde ich dann und wann verwechselt - mit den einen häufiger, mit den anderen weniger häufig. Die sehen nun alle ganz ansprechend aus, so dass diese Verwechslungsgeschichte mein Ego nur insofern berührt, als dadurch meine unleugbare Individualität direkt hinterfragt wird. Sowas mag ich nicht.
Die Geschichte, die ich erzählen will, ist kurz: Ich war verabredet. Auf dem Weg zum Treffpunkt meine ich meinen Gesprächspartner zu treffen, spreche ihn an, und er meint: »Ah nein, ich bin nicht X, er wartet schon auf Sie.« Leicht peinlich berührt bespreche ich mich mit X, ohne die Verwechslung zu erwähnen. Kaum ist er gegangen,
treffe ich eine Kollegen, der meint: »Der X wollte seine Besprechung mit mir abhalten, er hat gemeint, ich sei du.« So hat denn also eine Besprechung zwischen zwei Menschen stattgefunden, die beide voneinander nicht wussten, dass sie jeweils der andere sind.

Samstag, 28. März 2009

Internet, Botox und »Maulkorb« - Katja Stauber und Erwin Kessler

Katja Stauber wehrt sich juristisch gegen Erwin Kessler, weil der erstens kritisiert, wie Frau Stauber die Tagesschau moderiert hat und ihr zweitens unterstellt, Botox gespritzt zu haben.
Nun hat das Zürcher Obergericht Herrn Kessler »im Rahmen einer vorsorglichen Massnahme jegliche kritische Äusserungen über die Fernsehfrau« verboten [Quelle]. Obwohl das Obergericht einsieht, dass es in die Meinungsäußerungsfreiheit von Herrn Kessler eingreift, legitimiert es die Massnahme »durch die ernsthafte Befürchtung weiterer Persönlichkeitsverletzungen«.


Man fragt sich:

  • Müsste für das Urteil nicht auch geklärt werden, ob Frau Stauber Botox gespritzt hat? Herr Kessler darf dies nicht mehr behaupten - obwohl es ja vielleicht richtig ist…
  • Wie konnte Frau Stauber (bzw. ihre Anwälte (v.a. Mayr von Baldegg) und Berater) auf die Idee kommen, einen solchen Prozess anzustreben - dessen wohl direktestes Resultat ist, dass Google für "Katja Stauber" nun an dritter Stelle den Botox-Vorwurf liefert (Und die Frage »Wie hässlich ist die Botox-Moderatorin Katja-Stauber wirklich?«).
  • Wie konnten sowohl diese Leute als auch das Gericht annehmen, ein Urteil könne eine Meinungsäußerung im Internet verhindern (Herr Kessler gibt an, die Seiten seien auf einen Server in »Übersee« transferiert worden)?
  • Wie kann eine Einschränkung der Meinungsäußerungsfreiheit dadruch begründet werden, dass jemand etwas sagen könnte, was gegen das Gesetz verstösst? Widerspricht das nicht in fundamentaler Weise dem Prinzip der Freiheit?
  • Und letztlich stellt das Internet doch auch die Festlegung eines oder einer Verantwortlichen für eine Information vor grössere Schwierigkeiten, wenn man sowas geschickt organisiert, kann niemand mehr wissen, wer genau etwas geschrieben, gesagt, gepostet etc. hat.
Tja, diese neue Medienwelt…

Sonntag, 22. März 2009

»es« funktioniert - Dario Cologna gedopt?

[Quelle: .ch, 16. Dezember 2008. Bildlegende (von mir): Aufhören, bitte.]

Dario Cologna - die Schweiz hat einen weiteren Helden.

Gab es für Sie in diesem Winter nie einen kritischen Moment, in dem Sie dachten, der Weltcup entgleite Ihnen noch?
Nein, ich hatte nie Angst, dass es nicht funktioniert. [Quelle]
Die NZZ bezeichnet ihn als »der Naturbursche aus dem Val Müstair« und erklärt:
Er nahm die Signale seines Körpers ernst und verzichtete zugunsten des Weltcups auf den 50-km-Lauf in Liberec. [Quelle]
Und ich meine: Ein Naturbursche gewinnt den Gesamtweltcup nicht, sondern nur jemand, der weiss, dass »es« funktioniert. Und der Verzicht auf den 50-km-Lauf dürfte so auch in ein anderes Licht rücken. Nein, Beweise habe ich keine - wundere mich nur, wenn ich die Lobeshymnen lese und sehe, dass niemand diese Fragen stellt. Aber natürlich: Schweizer dopen prinzipiell nicht, genau so wenig wie das Bankgeheimnis ein Deckmantel für kriminelle Taten ist (oder gewesen ist).

Samstag, 21. März 2009

Steinbrück und die direkte Demokratie - egal oder doch nicht?

Eben wollte ich Flos neuesten Blogpost kommentieren und auf diese Story verweisen, in der der Tagi die neue Nicht-recherchieren-aber-über-wenig-nette-Mediensprecher-berichten-Methode ein weiteres Mal glänzend angewendet hat. Ich hatte die gelesen, als sie erschienen ist, und merke, da hat sich was getan. Such man bei Google, findet man diese Resultate:Und man merkt: Irgendwer hat irgendwie den Zusatz, die direkte Demokratie sei »uns hier in Deutschland egal« gelöscht. Warum wohl? Es darf spekuliert werden.
Der Zusatz hat den pi-news-Blog dazu gebracht, dem Steinbrück gleich ihre Wertschätzung engegen zu bringen, wie man auf dem Bild auch sieht.

Mittwoch, 18. März 2009

Legal, illegal und so - wie geht runterladen aus dem Internet?

Heute informiert der Tagi seine Leser über die Möglichkeiten und Freuden des illegalen Downloadens - kaschiert als Artikel über den berüchtigten Internetpiraten aXXo, den, so wird angedeutet, es vielleicht gar nicht gibt, der aber den Eingeweihten zu über 1000 Gratis-DVDs verholfen hat. [zum Artikel]

Die Möglichkeiten, die der Tagi vorstellt, sind illegal, wie er selber auch erwähnt. Medienethische Fragen scheinen ohnehin für Medienschaffende von wenig belang zu sein, so ist wohl ein Spielverderber, wer fragt, ob es vertretbar ist, solche Anleitungen abzudrucken, obwohl sie voraussichtlich dazu gebraucht werden, um kriminelle Handlungen auszuführen.

Das Rechtsprinzip ist einfach: Runterladen darf man, hochladen nicht. Bittorrent-Protokolle laden aber immer hoch, also sind sie verboten (ausser man tauscht Inhalte, die keinem Copyright unterstehen). Rechtsgrundlagen finden sich hier.

Nun gibt es aber Möglichkeiten, in der Schweiz legal Files runterzuladen. Diese Möglichkeiten erlauben viel schnellere Downloads von Files der gleichen Qualität. Hier eine kleine Anleitung, vorerst aber noch ein Gedanke: Urheberrecht wird gehandhabt, als handle es sich dabei um einen Besitz (»geistiges Eigentum«). Diese Metaphorik vernebelt etwas die Sicht auf die Sache: Wenn ich etwas besitze, und jemand nimmt es mir weg, besitze ich es nicht mehr. Wenn ich aber das Urheberrecht besitze, und jemand kopiert mein »geistiges Eigentum«, so ist es auf keine Art und Weise gefährdet. Niemand behauptet, der Regisseur eines Films zu sein, den er aus dem Internet runtergeladen hat, und der Regisseur besitzt immer noch gleich viel wie zuvor. Worum es geht, ist ein Recht auf die kommerzielle Nutzung von geistigen Inhalten. Und darüber kann man sich - abseits vom Gesetz, oder als Grundlage - zumindest streiten.

Wie lädt man nun aber schnell und legal runter?

  1. JDownloader runterladen, installieren und konfigurieren (so, dass die Zwischenablage automatisch eingefügt wird).
  2. Sich Rapidshare-Links besorgen von den gewünschten Files, für Filme z.B. hier (deutsch) und hier (englisch) oder den Filmtitel "+Rapidshare" googeln [Alternative wäre Netload.in, siehe auch Kommentare].
  3. Wenn man bereit ist, ein bisschen was zu zahlen, ein Rapidshare-Premium-Account [bzw. Netlodad.in]lösen. Kostet was, bringt aber den gewünschten Speed (mit Cablecom 10000 >1000 kb / s).
  4. Das wärs. Hochladen tut man nichts, daher legal, so lange der Content in der Schweiz legal ist.

Dienstag, 17. März 2009

»Druck aufsetzen«: Rückfallquote von Sexualstraftätern aus der Zone

Eine weitere Lieblingspolitikerin von mir (irgendwie stört es mich grad, dass es zwei Frauen hintereinander sind, aber das hat sich rein aus tagesaktuellen Gründen ergeben, einen gender-Bias würde ich vehement bestreiten wollen), also, ich bin auch total begeistert von der jungen, aufstrebenden und attraktiven Frau Rickli.
Die Hundefreundin (mehr private Bilder gibts hier) sagt:

Widmer-Schlumpf handelt nur auf Druck – also setzen wir Druck auf. [Quelle: TA]
Genauer will sie vom Bundesrat wissen:
Ist der Bundesrat immer noch der Meinung wie in seiner Antwort zu meiner Interpellation 08.3462, dass die meisten Sexualstraftäter nicht rückfällig werden?
Natürlich unterstellt sie dem Bundesrat nicht nur, dass er an seiner Meinung festhalte, sondern auch, dass die Meinung total falsch sei. Die Logik von Frau Rickli ist bestechend: Wenn ein Straftäter rückfällig geworden ist, dann werden wohl die meisten rückfällig werden. Der Bundesrat hatte ihr noch im alten Jahr beschieden:
Die Aussage, dass die Rückfallrate bei Sexualstraftätern viel tiefer liege als allgemein angenommen, bezieht sich auf den Umstand, dass in der öffentlichen Wahrnehmung das Bild vorherrscht: "Einmal Sexualstraftäter, immer Sexualstraftäter". Diverse Untersuchungen (etwa Studien der kriminologischen Zentralstelle Wiesbaden oder auch die Zahlen des Bundesamtes für Statistik) zeigen jedoch, dass die meisten Sexualstraftäter nicht rückfällig werden. [Quelle für beide Zitate: parlament.ch]
Die Studie, auf die sich der Bundesrat bezieht, findet sich hier. Tatsächlich werden offenbar rund 20% der Sexualstraftätern rückfällig (natürlich bedeutet das, dass man das durch gezielte Massnahmen verhindern sollte), interessanterweise aber doppelt so häufig, wenn sie in der DDR verurteilt worden sind. Da sieht man wieder, was uns der Kommunismus eingebrockt hat, und wie glücklich wir uns schätzen können, dass die letzten Kommunisten dieser Welt auf einer schönen Insel leben, wo wir in den Ferien Rum trinken können, oder dafür sorgen, dass jemand unsere Kraftwerke kauft und unsere T-Shirts näht.
(Auch ein Problem sind die Exhibitsionisten: Die werden in fast der Hälfte der Fälle wieder rückfällig. Die appenzellische Politik ist also da wohl fast mehr gefragt als der Bundesrat.)

Montag, 16. März 2009

Wenn Intelligenz fakultativ wird...

Co-Blogger Flo macht auf den Blog von Dr. Med. Yvette Estermann aufmerksam - und siehe da: Selten liest man Halb- oder Gar-nicht-Gedachtes so frei formuliert. Nicht nur ist die Frau offenbar praktizierende Ärztin, sondern darüber hinaus wurde sie auch noch ins Parlament gewählt. Nun setzt sie sich »mit der ältesten Kultur der Schweiz« (Volkskultur, natürlich, oder auch: Volksmusik) auseinander oder betet im oder fürs Bundeshaus (das kann man auch online tun, grossartige Gebete können dort nachgelesen werden). Zudem verweist die Ärztin auf Studien, welche die Wirkung von Gebeten belegen. Wie Flo richtig festgestellt hat: Wenn solche Leute impfen dürfen, dann wäre es fatal, wenn sich alle impfen lassen müssten.
Die oben erwähnten Studien gibt es allerdings tatsächlich. Zwei, die ich angeschaut habe, finden sich hier:

Dabei werden mit Blindtests Patientgruppen untersucht, für die gebetet wird. Effekte der Statistik ergeben dann scheinbar valide Ergebnisse, die belegen, dass Gebete wirken. Allerdings stellen sich auch diesen Forschern ein paar Fragen, die zeigen, mit welchen Tücken »christian science« zu kämpfen hat:
How God acted in this situation is unknown; i.e., were the groups treated by God as a whole or were individual prayers alone answered?
Dass Gott sich für Untersuchungen selten zur Verfügung stellt, ist natürlich ein bemerkenswertes Problem. Anschließen kann man vielleicht noch die Frage, warum er Menschen, für die gebetet wird, eher heilt als solche, für die keine Gebete aufgesagt werden (denn die Betenden müssen die Patienten nicht kennen, allein der Name reicht). Um den Betenden eine Freude zu machen - von der sie nie erfahren werden, weil sie ja nicht wissen, für wen sie beten? Oder um generell einen Anreiz zu weiteren Gebeten zu schaffen? Alles etwas unklar.
Die Christian Science an sich ist aber noch etwas rigider in ihrem Glauben: Gestüzt auf Mary Baker Eddy glauben sie, es gäbe nicht als eine spirituelle Welt (eigentlich nichts ausser Gott). Leiden ist glücklicherweise reine Einbildung, entweder eine Wahrnehmunsstörung (»healing of sickness«) oder basiendrend auf einer Sünde (»healing of sin«). Beide Ursachen können mit Gebeten problemlos behoben werden, da es eine materielle Welt nicht gibt.
Was philosophisch überzeugend daherkommt, wirkt sich fatal aus: Wie mehrere Studien (z.B. diese) belegen, leben Anhänger dieses Glaubens deutlich weniger lang als vergleichbare andere Gläubige und sterben in 6% der Fälle an Ursachen, die hätten behoben werden können.
Und was es zu den Gebetsstudien noch zu sagen gibt, ist
  1. Statistik- und Reality-Check: hier. (Fazit: Wenn man zwei Gruppen macht, kann es sein, dass es der einen besser geht. Ob gebetet wird oder nicht.)
  2. Das Gebet in seiner reinen Form folgt Zizeks Logik des Opfers (hier nachzulesen); das nämlich nur in einer kaptialistischen Analyse als ein verschobener Kaufvertrag angeschaut werden kann (ich opfere/bete und erhalte später, wofür ich geopfert/gebetet habe), grundsätzlich aber eine Handlung ist, die ich vornehme, um die Existenz Gottes zu bekräftigen, denn wenn ich ihm opfere bzw. zu ihm spreche, dann muss es ihn ja geben. Etwas erhalten muss ich dann nicht.

Mittwoch, 11. März 2009

»unsere Justizbehörden« - und noch einmal Brecht

Es tut wieder einmal verdammt weh, zu lesen, wie unsere Justizbehörden versagen. Solch brutale Mörder empfinden gar keine Reue, gehören ein für allemal weg aus unserem Leben, die Todesstrafe ist das einzig Richtige, sonst kostet es die Steuerzahler enorme Summen und wieder unschuldige Menschenleben.
- Martha Hürlimann, Oberglatt (Quelle: Tages-Anzeiger, 11. März 2009)
Frau Hürlimann spricht aus, was wohl viele denken (z.B. die hier): Die Forderung nach einer Macht, die disziplinieren kann, die verhindert, was wir uns nicht wünschen, die töten kann, was nicht »in unser Leben« gehört. Der Tod gehört nicht in unser Leben. Mörder gehören nicht in unser Leben, und können deshalb keine Reue empfinden.
Und auch in diesem Fall passiert das Absehbare: MitarbeiterInnen des Justizapparats, die versucht haben, einen Täter in einen geordneten Alltag zu überführen und dabei gescheitert sind, werden medial an den Pranger gestellt, härtere Gesetze werden gefordert und vielleicht auch eingeführt, und niemand sagt, dass eigentlich unaussprechlich ist, was passiert ist, dass wir es nicht verstehen, dass es uns überfordert, unsere Gesellschaft überfordert, unser System überfordert, unser kausales Denken überfordert. Man wünscht sich, dass Brecht ein Autor einer Zeitung wäre, der über den Fall Apfelböck geschrieben hat:
In mildem Lichte Jakob Apfelböck
Erschlug den Vater und die Mutter sein
Und schloß sie beide in den Wäscheschrank
Und blieb im Hause übrig, er allein.
[…]
Und als sie einstens in den Schrank ihm sahn
Stand Jakob Apfelböck in mildem Licht
Und als sie fragten, warum er's getan
Sprach Jakob Apfelböck: Ich weiß es nicht.
(das ganze Gedicht)
Und so können auch wir sagen: Wir wissen es nicht. Wir verstehen es nicht. Aber Frau Hürlimann, stolzes Mitglied des Naturschutzvereins Oberglatt, fordert die Todesstrafe. Und zwar nicht hauptsächlich, weil das nicht mehr passieren darf, sondern zunächst, um Geld zu sparen. Auch das ist eine Logik - die man nicht versteht.
Hier noch einmal das Gedicht, verstörend: